Man denke sich!
Und wer die tiefempfundene Antwort gehört hatte, dachte sich jedenfalls das ehrbare, würdige Fräulein als Vorbild des unartigen Prinzen, daher eine unbezwingliche Heiterkeit und die Langlebigkeit der kleinen Geschichte. So ist Fräulein von Knebel bei jung und alt, hoch und niedrig bekannt geworden. Sie war überall gern gesehen, konnte einen Spaß vertragen und ging selbst nicht allzu zart und respektvoll mit ihrer eigenen Persönlichkeit um.
An diesem Nachmittage war die Gesellschaft bei Apothekers eigentümlich beschäftigt. Auf dem großen Tisch stand ein Korb mit kleinen, losen Heften, die von den Anwesenden geklebt oder genäht wurden. Die weiblichen Hände befestigten die losen Blätter mit ein paar Stichen ineinander und die männlichen klebten schmale rote, blaue oder grüne Papierstreifen um den Rücken der kleinen Broschüren.
Was aber enthielten diese Bogen, daß man sie in so heiterer Vereinigung bei Wein und Kirschkuchen vergnüglichst miteinander heftete?
Sie enthielten nichts Geringeres, als ein getreues Konterfei in Kupferstich von zwei berüchtigten Spießgesellen, Niklas Sommer und William Becher, nebst deren kurz und bündig gefaßter Lebensbeschreibung, zu Nutz und Frommen für alle, die dieses Heftchen kaufen und lesen würden. Der alte Müller hatte die Porträts selbst in Kupfer gestochen, die Lebensbilder selbst verfaßt, Papier- und Druckkosten selbst getragen, und morgen sollten sie auf dem Markte, während über die genannten Delinquenten der Stab auf einem Gerüst, das jetzt schon stand, gebrochen wurde, zum Verkauf ausgeboten werden.
Der Kupferstecher war mit seiner Arbeit mit knapper Not halbwegs bis zum bestimmten Termin fertig geworden und hatte noch, um das Werk zu vollenden, die Hilfe seiner Nachbarn, der Apothekersleute und deren Freunde und Verwandte in Anspruch nehmen müssen.
So saß die Gesellschaft und heftete unter Lachen und in allerbester Stimmung schmausend die Lebensbeschreibung der beiden armen Tröpfe, die ihrem letzten Stündlein entgegensahen. Damals war die gute Zeit, in der man sich über gar viele Dinge weit weniger Skrupel machte, als in der unsern; das, was in aller Ordnung vor sich ging, wurde harmlos und unkritisch entgegengenommen. Man glaubte z. B. in der Wünschengasse allgemein, daß aus den Brotkrumen, die in den Honigtopf fielen, Ameisen entständen, und hütete sich deshalb natürlich, Brotkrumen hineinfallen zu lassen. Man glaubte tausend solche Dinge und befand sich wohl dabei.
Die beiden schlimmen Kerle waren von dem hochlöblichen Gericht verurteilt und mußten wohl oder übel den Lohn für ihre Thaten, den Tod, erleiden. Dagegen konnte nichts einzuwenden sein, es war eine abgemachte, durchaus erledigte Sache, die einfach und naturgemäß aussah, so daß hierbei nicht angebracht sein mochte, sich andern Gefühlen hinzugeben, als einem angenehmen Gruseln, das über diesen und jenen bei der munteren Arbeit wohl einmal hinlief. Bedenken über Todesstrafe oder sonstige humane Bestrebungen hatten die Apothekersleute und ihre Gäste wohl schwerlich berührt. Auch der Kontrast, der zwischen den beiden machtlosen Schelmen, die der Tod schon am Wickel hatte, und die ihre kurze Galgenfrist in einem von Gott und der Welt verlassenen Raume, von allem Troste und Verkehr abgesperrt verbrachten, und der lebensfrohen Sicherheit und Behaglichkeit, in der man hier beisammen saß, kam wohl keinem recht zu Sinnen.
Ernst von Schiller blätterte in dem Büchelchen und war mit des Kupferstechers Darstellung von William Bechers Gefangennahme nicht einverstanden. „Das soll ja eine tolle Geschichte gewesen sein, er muß sich verzweifelt gewehrt haben! Sie haben das ein bißchen kurz gehalten, und so etwas gefällt gerade.“
„Ja, das schreibe einer,“ sagte der alte Müller; „der Becher war ein Prachtskerl, das läßt sich nicht so leicht berichten, dazu gehört einer!“ Sie sprachen schon in der Zeitform, die das Vergangene beherrscht, von den noch für eine Weile, wahrscheinlich bis zum Übermaß bewußt Lebenden. Aber was gehen eine so allerliebste, unschuldige Gesellschaft die letzten Stunden, die Todesfurcht und alles menschliche Weh zweier armen, so gut wie schon gerichteten Sünder an!