Man lachte über den Eifer des Fräulein von Knebel, die mit einer wahren Vehemenz heftete und einen ganz erklecklichen Haufen der Diebs- und Mordsgeschichte vor sich aufgestapelt hatte, den sie eifersüchtig bewachte, daß nicht etwa eins oder das andere Heft entwendet wurde, um ihr den Ruhm zu nehmen, die größte Zahl gefertigt zu haben.
Fräulein von Knebel war eine Person, die alles und jedes mit ganzer Kraft betrieb.
Also hier sitzt die Familie mit ihren Gästen in Wohlsein beisammen, und man denkt mit Behagen an die beiden armen Sünder; die stecken miteinander in dem gar festen Stübchen, zu dem keine menschliche Hilfe mehr dringt.
Es liegt hoch oben in dem düstern Hause, das zu Strafe und Zucht der frechen, unklugen, unglücklichen und infamen menschlichen Kreatur, die sich nicht erziehen lassen will, erbaut wurde. Jetzt, in unseren Tagen, ist das Haus in ein ehrenwertes Landesgericht umgewandelt, und statt der Spitzbuben sitzen würdige Männer darin, ehrenwerte Landräte und Landrichter, die frei und fröhlich ein und aus gehen können, die mit Behagen die Sonne, ganz wie die seligen Spitzbuben einst, durch die vergitterten Fenster scheinen fühlen, die leben, atmen, ganz wie diese, nur daß sie durch ihre kluge und würdige Lebenswahl freie, angesehene Leute geblieben sind und bewahrt wurden vor straffälligen, verpönten, unklugen Sünden und Thorheiten, wie sie nur ein Unsinniger, ein Verzweifelnder fertig bringt.
Die beiden Spitzbuben aber, Becher und Sommer, saßen im Hause, als es noch seine Leute hinter Schloß und Riegel hielt; die Wolken zogen darüber hin und zogen auch über den Galgen, der auf zwei baumelnde Gestalten in aller Gemütsruhe wartete. Die beiden Spitzbuben kannten Weimars Umgegend, kannten den Galgen, sahen sich zappeln, sahen sich baumeln. Das Haar stand ihnen zu Berge, die Kniee schlotterten ihnen, die Zunge klebte am Gaumen, das Herz stieß und klopfte. Die Hände waren naß von kaltem Schweiß, und die Apothekergesellschaft dachte ihrer in Behagen bei dem Heften der Bogen, die den Tod, die letzte kommende Qual der armen Burschen schon schilderten; und als unsere Gesellschaft gerade im besten Heften und Kleben sich befand, jeder auch schon bei seinem zweiten und dritten Stück Kirschkuchen angelangt war, bei gutem Appetit, den muntere Arbeit förderte, da öffnete sich die Thüre, die von dem Zimmer aus direkt auf die Treppe führte, und herein trat vorsichtig, den Kopf zuerst durch die Thürspalte steckend, der unheimliche Geselle unten aus der Apotheke.
„Diener, meine Herrschaften,“ sagte er mit seiner knarrigen Stimme und grüßte mit der dürren Hand, die aus einem allzu kurzen Ärmel sonderbar hervorstand. „Ich wollte nur oben vermelden, daß es diesmal mit den Büchern nichts ist. Sie haben den einen begnadigt. ’s bleibt nur bei Sommern.“ Wie aus einem tiefen Traum plötzlich erweckt, starrte die Gesellschaft sprachlos den gefürchteten Todesverkünder an, der heute ausnahmsweise seine Rolle geändert und, wenn man recht gehört hatte, der Verkünder eines erfreulichen Ereignisses geworden war. Aber man mochte wohl nicht recht gehört haben, denn es war nach der Botschaft des Gehilfen ein augenscheinlicher, ungemütlicher Druck bei einigen Gliedern der Gesellschaft zu konstatieren, und zwar gehörten diese Glieder durchweg der Familie des Kupferstechers an. Die erste, die sich sammelte, war Fräulein von Knebel; die fragte den Gehilfen, der noch in der Thür stand: „Nun sag’ Er mal, wie ist das denn gekommen, und gerade Bechern?“
Der Gehilfe zuckte, wie es seine Art war, die Achseln und blickte spöttisch auf die Gäste, ohne etwas zu erwidern.
Nach einer Weile sagte er trocken: „Gesegnete Mahlzeit!“ und wendete der Gesellschaft langsam den Rücken, um aus der Thüre zu gehen.
„Das ist aber schrecklich!“ rief Anne Müller, die jüngste der Kupferstecherkinder, in enttäuschtem Ton, „da wird’s nun nichts.“
„Seht mir das blutdürstige Geschöpf an,“ sagte der Apotheker schmunzelnd. „Na, Anne,“ und er klopfte ihr auf die Schulter, da drangen dicke Thränen in Annas Augen und rannen ihr über die roten, runden Wangen.