So ungebunden das Leben unserer Ratsmädel sich gestaltete, so geschah es doch, daß sie hin und wieder ernstlich angehalten wurden, etwas Vernünftiges zu treiben.

Die Mutter sah ihre Kinder als vollgiltige Geschöpfe an, deren Willen und Neigungen man berücksichtigen mußte. Gegen das Erlernen von fremden Sprachen und Musik hegten sie von früh an, wie gegen etwas völlig Überflüssiges und Zeitverderbendes, einen heftigen, unüberwindlichen Widerwillen, der nach manchem Versuch, die Mädchen anders zu überzeugen, geachtet worden war. Man hatte sie in der stark ausgesprochenen Neigung, ihren Geist von jenem Ballast frei zu halten, schließlich nicht mehr gehindert.

Frau Rat war der ruhigen Überzeugung, daß ihre Mädchen mit gesundem Menschenverstand genügend versorgt seien, so daß sie das Darum und Daran zur Not entbehren konnten, ja, daß man kaum bemerken würde, daß ihnen etwas, worauf andere großen Wert legen, abgehe. Sie dankte ihrem Gott dafür, daß die beiden Rangen zu Handarbeiten einige Neigung zeigten, und war froh, daß es sich mit ihnen so und nicht anders gestaltet hatte, denn hätten sie in Musik und Sprachen bis über die Ohren gesteckt und dabei ihrer Hände Arbeit verächtlich von oben herab behandelt, so wären sie für Frau Rat ein paar rechte Sorgenkinder geworden, denn diese baute alle Hoffnung für eines Mädchens Glück und Zufriedenheit auf deren Fleiß, Ordnungsliebe und kluge Selbstthätigkeit im Hause, mochte das Mädchen dann sein, wie es wollte, es würde sich sicher als Frau dem Manne doppelt nützlich machen, denn wo auch Schönheit, Leidenschaft vergeht, bleiben Ordnung, Behagen, Fleiß als liebgewordene Gewohnheit zurück und treten in volle Rechte ein. — Und Frau Rat erkannte bei allem Übermute und aller Unart ihrer Mädchen dennoch einen guten, vertrauenerweckenden Kern in ihnen. In guter Einsicht hatte sie neben dem kärglichen Schulunterricht, den die beiden genossen, für tüchtige Kräfte gesorgt, die ihnen Anweisung in der Kunst weiblicher Handarbeit erteilen sollten. — Da war zuerst die Jungfer Concordia, die mit aller Liebenswürdigkeit ihrer sanften Person auf unsere beiden eingewirkt hatte und ihnen auch mit mancherlei Kenntnissen unvermerkt beigekommen war.

Als Jungfer Concordia von Kränklichkeit oft heimgesucht wurde und die Mädchen nicht immer um sich haben konnte, riet dieselbe der Mutter, Röse und Marie zu der alten Kummerfelden zu thun, die in jeder Weise eine vertrauenerweckende Persönlichkeit sei.

Und so geschah es; unser Kapitel soll von der alten, wunderlichen Kummerfelden handeln und ihrer damals weit berühmten Nähschule. Die besagte Madame Kummerfelden war, wie männiglich bekannt, früher Schauspielerin gewesen und zwar eine große Künstlerin, vortreffliche Darstellerin der Julia und Ophelia. In Hamburg, Frankfurt, Leipzig und Weimar hatte sie einen guten Namen gehabt. Jetzt saß sie in einem kleinen Häuschen, das sie in Weimar den Entenfang nannten. „Entenfang“, weil es an einem Wassergraben lag, in dem die Enten der Flederwischmühle ihr Wesen trieben und vor einer Schleuse in der Nähe des Häuschens Halt machen mußten.

Die Schleuse, die in einem versteckten, von dichtem Buschwerk überwachsenen Winkel lag, hatte den Müller schon um manchen fetten Braten gebracht, denn verdächtiges Gesindel wußte von diesem Versteck aus die Enten, die sich dort gern aufhielten, da sich daselbst allerlei Vorzügliches für ihren Geschmack staute, zu beschleichen und wegzukapern.

So wohnte die Kummerfelden im Entenfang, und im Entenfang hielt sie ihre vielbesuchten Nähstunden. — Das kleine Haus, es steht noch, hatte sich jedenfalls ein närrischer Kauz vor langen Jahren nach seinem Behagen und Geschmack erbaut, und der Geschmack bewies, daß der Erbauer desselben einiges überflüssiges Geld besessen, denn auf die sonderbarste Manier hatte er an unmotivierte Stellen und Ecken des Häuschens kleine Säulen, die nichts trugen und stützten, anbringen lassen. Wo es ihm beliebt hatte, klebte an der Wand, auf einem Konsol oder irgend einem Vorsprung, ein Säulchen, auch über den Thüren standen sie zu dreien und vieren; alle hatte man, wie die Wände, gleichmäßig gelb übertüncht, und sie waren der Ärger der Kummerfelden, solange dieselbe das Häuschen bewohnte.

Sie hatte in einer erbosten Stunde berechnet, daß an die dreihundert Reichsthaler durch die verwünschten Säulen und Säulchen an den Wänden und in den Ecken verbaut waren, und dieser tote Schatz war ihrem praktischen Sinn ein wahrer Ekel.

Was ihr Haus aber lieb und wert machte, mochte eine Einrichtung sein, die sie für ihre Zwecke gar nicht besser wünschen konnte — und von der sie sich nicht ausreden ließ, daß der Erbauer des Häuschens diese schon in der Vorahnung ihrer künftigen Existenz darin habe treffen müssen.

Denn auch die Kummerfelden, wie jeder gute Sterbliche, hielt ihr eigenes Dasein für den Punkt, auf den alle Linien zuliefen. Die Einrichtung, die sie so erfreute und die allerdings großen Einfluß auf ihre Art zu leben und zu wirken hatte, war folgende: Die beiden Hauptzimmer des Hauses, ein größeres und ein kleines, lagen wohl nebeneinander, wie das gebräuchlich ist, aber sie lagen nicht auf gleichem Niveau, sondern von der kleinen Stube führten breite Stufen in das große Zimmer hinab. — Das war eine verzwickte Bauart — aber, wie es sich herausstellen wird, für die Zwecke unserer Kummerfelden wie erfunden.