Die Alte hatte in dem oberen kleinen Zimmer ihr Bett, das ein rotgeblümter Vorhang umschloß, und einen Schrank voll Raritäten; darüber hingen ihre Lorbeerkränze, die glückliche Jahre ihr eingebracht hatten, wie Erntekränze von der Decke herab.
Ferner hatte sie in diesem oberen Reich ihre Destillation. — Sie war die Erfinderin des Kummerfeldschen Wasch- und Schönheitswassers, das bis heute noch in jeder Apotheke Deutschlands und weit über Deutschland hinaus zu haben ist. — Und die Alte war der lebende Beweis, daß ihrer Erfindung zu trauen sei, denn trotz ihrer Jahre hatte sie ein frisches, blühendes Aussehen und hielt viel auf sich. Sie trug eine Haube mit Ohrenklappen und mächtigen Bändern, wie außer der ihren keine weiter im Städtchen anzutreffen sein mochte. Ihre Kleidung war von altem, bewährtem Schnitt, der von allerlei leichtfertigen Erfindungen längst überholt war, dem sie aber mit vollem Selbstbewußtsein treu blieb. Das Muster ihrer Kleidung mußte stets ein geblümtes sein; sie liebte es, einen freundlichen Eindruck zu machen, und ein geblümtes Kleid war ihr das erste Erfordernis, um solch einen Eindruck hervorzubringen.
Die Möbel der Kummerfelden verrieten samt und sonders, daß sie einer praktischen, zugleich lebhaften Person, die es mit dem Leben leicht nahm, angehörten. Die Kommode zum Beispiel gab Zeugnis davon. Diese stand auf drei Kugelbeinen, das vierte ersetzte seit einer Reihe von Jahren ein vorzüglich passender, roter, irdener Blumentopf und genügte beiden, der Kommode und der Kummerfelden, auf das beste. An einer lila Schnur, die mit einem Nagel an dem Kommodenrand befestigt war, hing eine zweizinkige Gabel herab, die als Brecheisen und Hebel dienen mußte, um den Schlüssel zu ersetzen.
Mit dieser stach die Kummerfelden mit einer ausgezeichneten, nie fehlenden Sicherheit in die drei Fächer hinein, ohne das Möbel jemals lebensgefährlich zu beschädigen, und jedes Fach zeigte, was dem Verfahren nach natürlich war, eine Stichfläche, ähnlich der, die den linken Zeigefinger einer fleißigen Näherin kennzeichnet.
Als Schmuck des Zimmers schien die Künstlerin ihre geblümten Gewänder zu betrachten, die in aller Unschuld und Fröhlichkeit an den Wänden umher hingen. Das machte den Eindruck, als liebe die Kummerfelden sie um sich versammelt zu sehen. Der einzige Stuhl des Zimmers stand vor dem Himmelbette, war ein Lehnstuhl mit großen Ohren und hatte ein außerordentlich freundschaftliches und gutmütiges Aussehen. Über dem Bette, von dem Himmel herab, hingen die auserwähltesten Lorbeerkränze, mit gewaltigen Schleifen, die jedenfalls aus tiefen Gründen diesen Ehrenplatz erhalten hatten. Außerdem aber hing über dem Bette ein rotseidener, verblichener Beutel, der das Schnupftuch für die Nacht barg, eine Ledertasche, in der sich zu jeder Zeit Zwieback und ein stärkendes Schlückchen befand. Die Kummerfelden litt, wie viele alte Damen, an momentanen Schwächezufällen, die zu Zeiten in merkwürdig kurzen Pausen wiederkehrten.
In einem anderen Beutel über dem Kopfkissen, der an einer Schnur sich bis auf das Bett herabziehen ließ, lag ein Gebetbuch und das Testament der alten Künstlerin.
In das Gebetbuch, an der Stelle, wo die Stoßgebete für das letzte Stündlein standen, hatte sie, der Vorsorge wegen, eine dicke Schnur gelegt, daß, wenn es einmal unvermutet ans Sterben kommen sollte, sie sich mit leichter Mühe zurecht finden und einigermaßen Trost verschaffen konnte.
Einsame Menschen müssen sich für die Nachtzeit in allen Dingen vorsehen, denn es lebt und stirbt sich beschwerlich allein, und die sonderbarsten, bequemsten und vorteilhaftesten Einrichtungen ersetzen zu manchen Stunden die kärglichste Gesellschaft nicht.
In dem oberen Stübchen blieb sie allein Herrin, kein fremder Fuß durfte es betreten, in dem unteren hingegen war das Reich ihrer Schülerinnen, ihrer Elevinnen, wie sie dieselben vorzugsweise gern benannte.
Da wurde genäht, gestickt, gestrickt und gestopft und endlos geplaudert.