Die Kummerfelden saß während der Unterrichtszeit auf der zweitobersten Stufe der Treppe, welche die beiden Zimmer miteinander verband, und hatte sich dort einen höchst behaglichen Sitz eingerichtet, mit Kissen und Polstern. Das Stück Stufe, das ihr zum Sitz diente, war von ihr selbst, um es sicher und bequem zu haben, etwas verlängert worden durch ein festgenageltes Brett; und von diesem Throne herab überwachte sie ihre Mädchen, von da herab tönten ihr munteres Lachen, ihre Verweise, ihre Aufforderung zu einem Gange ins Freie, wunderbare Erzählungen aus ihrem bewegten Künstlerleben. Von hier aus las sie ihnen vor, deklamierte sie ihre alten Rollen. Es war ein ganz prächtiger Platz, um die Schülerinnen zu überblicken. Die Kummerfelden hatte scharfe Augen, so leicht entging ihnen nichts. Sie kannte ihre Mädchen. Außerdem hatte sie eine ganz besondere Schlauheit angewendet, um genau zu wissen, was vorging. Sie hatte sich von jeher als schwerhörig angestellt, damit die unten ungestört alles und jedes laut miteinander plaudern konnten in dem Glauben, ihre Meisterin verstände nichts. Dabei waren aber die Ohren der Alten unter der Mütze wie Luchsohren so scharf, und sie lachte sich ins Fäustchen, wenn die von ihr Getäuschten ganz ungeniert und laut Dinge sprachen, die sonst wohl gar nicht in ihrer Nähe oder doch im Flüsterton verhandelt worden wären.
Doch hatte sie diesen Betrug nicht aus Bosheit, sondern aus wahrem Interesse an ihren Zöglingen ausgespielt und lachte manchmal in sich hinein über die närrische Welt, denn jede neue Generation, die auf ein Jährlein oder zwei bei ihr eingethan wurde, um zu lernen, benahm sich genau wie die vorhergehende. Eine jede behandelte mit unerhörter Wichtigkeit Dinge, von denen man der Art nach, wie die Mädels darüber sprachen, annehmen mußte, daß diese Dinge überhaupt zum allerersten und unwiderruflich letzten Male auf Erden stattfinden würden.
„Hört einmal, Ihr Sakramenter,“ rief die Kummerfelden von ihrem Throne herab eines Tages, als sie es ihr da unten zu toll trieben, es war zur Zeit, als auch die Ratsmädchen bei ihr saßen. „Hört einmal, Ihr da unterhaltet Euch doch nicht etwa von Liebesgeschichten? — Ihr macht mir gerade solche Gesichter.“
„I bewahre,“ rief eine Schülerin lustig, „was denkt die Madame!“
„Ei Du!“ murmelte die Alte in ihre große Haubenschleife hinein, „daß Dich doch! — Das lügt nun einmal, so lange die Welt steht!“ Damit beruhigte sich die Kummerfelden wieder, da sie doch nichts an der Welt ändern konnte.
„Aber,“ sagte sie, „im Falle Ihr einmal von Liebesgeschichten sprechen solltet, und weil wir einmal darauf gekommen sind, will ich Euch doch meine Geschichte mit dem Schauspieler Krakow erzählen. Es ist zwar nicht viel daran, aber doch genug, um zu sehen, daß man auf alles gewärtig sein muß im Leben.“
Und mit wahrer Herzenslust legte sie los und erzählte dies und das und von Hamburg und von Bremen und sprach eifrig: „Also denkt Euch! Ich verlobe mich mit besagtem Herrn Schauspieler. Er war ein recht schöner Mensch von guten Gaben, war auch nichts gegen ihn einzuwenden, daß ich wüßte. Zurückgelegt hatte er noch nichts, das hatte ich gethan und alles schien so leidlich in Ordnung.
Mir war von ihm ein goldener Ansteckekamm verehrt worden, und ich gab ihm eine perlengestrickte Börse. Sie liegt noch oben in meinem Schrankkasten, denn er mußte mir, wie er das einem anständigen Frauenzimmer nicht verweigern konnte, bei der Auflösung unserer Verbindung die Börse zurückgeben, und unsere Verlobung löste sich, durch Gottes Schickung, folgendermaßen:
Mein Verlobter übersandte mir zu meinem Geburtstag ein Körbchen mit Mandeln und Rosinen, dazu ein Verschen, über das Ihr staunen werdet, da es bis jetzo noch nicht zutrifft und recht zeigt, was für ein verräterischer und verleumderischer Mensch mein Verlobter war. Schickt mir also das Körbchen, und der Vers war so:
„Runzlich zwar, doch süße;