Nimm sie und iß se.“
Diesen Vers, wenn man das abgeschmackte Ding so nennen kann, verehrte er mir.
Natürlich ist das „runzlich, doch süße“ eine Anspielung auf meine Person gewesen. Ich war damals die jüngste nicht mehr und Witwe, doch weit entfernt von dergleichen, was er andeutete; was Ihr mir glauben werdet, wenn Ihr bedenkt, wie ich jetzt, nachdem so viele Jahre darüber vergangen sind, noch aussehe.“
„Aber weiter,“ sagte die Kummerfelden: „Ich konnte natürlich die Beleidigung nicht auf mir sitzen lassen und schrieb ihm den Absagebrief, wie es einem anständigen Frauenzimmer geziemt. Er hat ihn auch ohne weiteres angenommen und ist kurze Zeit darauf mit der Soubrette durchgegangen, so daß die ganze Angelegenheit den Anschein einer rechten Verräterei trug. Mir hatte das Schicksal in diesem Falle wohlgewollt, wenn man bedenkt, daß er sich später sein Lebtag mit der Soubrette geprügelt hat und daß er alles durchbrachte, was irgend sich durchbringen ließ. Ihr seht,“ fuhr sie fort, „daß es mit Liebesgeschichten seinen Haken hat. Schwatzt nicht soviel darüber, das lockt das Böse an. Nehmt’s, wie es kommt und grämt Euch nicht, wenn es nichts wird, der ganze Handel ist des Aufhebens nicht wert, das man darum macht. Nehmt Euch ein Exempel an mir, wie ich es mit dem Schauspieler Krakow machte. Alles kurz und bündig und keine Zerrerei, wenn es nichts wird. Kommt Ihr zu einer Heirat, mir soll’s recht sein; aber besser ist es allemal, es kommt nicht dazu; das heißt, wenn man ein resolutes Frauenzimmer ist und weiß, was man will. Und ich bin eine Verheiratete und sag das; merkt’s Euch: kein solch Ding von einer Jungfer, die von Angelegenheiten schnackt, die sie nicht kennt.“
Ob Madame Kummerfeld durch ihre Erzählung und ihre Ermahnungen in Wahrheit glaubte, Eindruck auf die übervollen Herzen um sie her zu machen? Wohl schwerlich.
Sie war zu sehr durch langjährige Erfahrungen von der Unverbesserlichkeit ihrer Schülerinnen überzeugt. Es mochte ein launiger Einfall sein, der sie dazu veranlaßt hatte, und übrigens stimmte sie mit den Schülerinnen im Grunde des Herzens überein; auch sie fand, daß es eine schöne Sache um das Lieben und Geliebtsein sei. Sie hatte auch das Ihre genossen, war aber seit lange vollkommen mit ihrer Herzensruhe einverstanden, wünschte es nicht besser und hatte ihren Spaß an denen, die noch mitten darin steckten oder gar eben erst begannen. Diesen liebte sie es, ein paar herbe Bissen, wie eben jetzt, vorzuwerfen.
Was brauchen die Mädchen zu wissen! Sie würden es schon erfahren!
Eine dumme, alte Gans, die es jungen Dingern läpperig macht!
Solcher Art waren die Ansichten der Kummerfelden.
Ja, man sollte sie einmal hören, wie unterschiedlich sie mit einem Mädchen sprach kurz vor dessen Hochzeit, und mit einem, bei dem vorderhand noch nichts in Aussicht stand. —