Die Kummerfelden war, wie alle klugen, liebevollen Leute, doppelzüngig im guten Sinn, und richtete deshalb im Verkehr mit den Mädchen gar wenig Unheil an; trotz ihrer Geschwätzigkeit.

Sie hatte für ihre Schülerinnen eine warme und teilnehmende Liebe, führte auch in ihrem Tagebuch für jedes der Mädchen eine Rubrik, in die sie ihre Wahrnehmungen und ihr Urteil über die Betreffende eintrug. Da standen auch die Ratsmädel kurz und bündig als ihre Lieblinge verzeichnet, ohne jeden weiteren Zusatz; den hielt die Kummerfelden in dem Falle, in welchem sie ihren höchsten Ehrentitel gab, für unnötig.

Was für liebenswerte Schuleinrichtungen und Gesetze hatte die prächtige Frau für ihre Mädchen gut geheißen und erfunden!

Einrichtungen, die so ganz dem Empfinden der Jugend angepaßt waren. Da gab es einen Lohn, der das lobenswerte Geschöpf, dem er zuerteilt wurde, mit heiligem Schauer überrieselte. Wer ganz vorzüglich gearbeitet und dies ununterbrochen eine Zeitlang durchgeführt hatte, diese Auserwählte durfte während einer Unterrichtsstunde in den weißen Schuhen der Julia, Shakespeares Julia, auf den Treppenstufen erhöht sitzen. Diese Schuhe hatte die Kummerfelden in ihrer guten Zeit als Julia im Sarge getragen. Keines der Mädchen konnte sich etwas Geheimnisvolleres als diese weißen, immer noch unverbrauchten Atlasschuhe denken, und die Glückliche, die sie tragen durfte, fühlte sich durch dieselben und durch die Art, wie die Kummerfelden sie ihr feierlich anlegte, aus den profanen Lebenskreisen gehoben. Mit den Schuhen der Julia an den Füßen, war dem Mädchen der Vorhang, der ihm noch vor der Welt des Schönen hing, ein wenig eingerissen. Julias Zauber, Julias Liebe, Julias selige Sprache sank auf sie nieder, und sie fühlte sich geweiht und allem anderen entrückt. Die Kummerfelden hatte die Schülerinnen wohl eingeführt in die Bedeutung dieser Attribute.

Sie hatte ihnen, von ihrem Sitzplatze auf der Treppe aus, ihre alte Rolle wiederholt deklamiert, so wie sie es sonst in ihren jungen, begeisterungsvollen Jahren gethan.

Und die Julia in der großen Haube mit Ohrenklappen, in dem geblümten Kleide, hatte die Zuhörerinnen ganz hingenommen und zu Thränen gerührt und tief erschüttert.

Welche zaubervollen Stunden verstand die Gute den Mädchen zu bringen, und wäre sie noch sonderbarer, noch bei weitem grotesker und befremdender gewesen, ihr gutes, reines Herz, ihre freundliche Gesinnung, ihr heller Geist wäre durch alles durchgedrungen und hätte sich durch jedes Hindernis hindurch offenbart.

Ein weiterer Ansporn für Fleiß und Betragen war von den Schülerinnen selbst ersonnen, von der Meisterin gut geheißen und hatte sich als Tradition von einer Klassengeneration auf die andere fortgeerbt. Die Mädchen waren immer mit Eifer dahinter her, daß soviel Hemden wie möglich zu gleicher Zeit fertig wurden. Das Zuschneiden und vollendete Nähen dieser wichtigen Kleidungsstücke lehrte die Kummerfelden mit Weihe und Gesetzesstrenge, denn es erschien ihr als oberstes und erstes Erfordernis weiblicher Bildung die untadelhafte Vollendung eines Hemdes. Ein Mädchen, das in dieser Wissenschaft nicht auf erwünschter Höhe stand, schien ihr ein Greuel, deshalb war es ihr recht, daß sich aus dem Empfinden der munteren Geschöpfe selbst eine Art Feier, die die Vollendung eines solchen Meisterwerkes begrüßte, herausgebildet hatte.

Die Mädchen sorgten nämlich dafür, wie schon gesagt, daß soviel Hemden wie möglich zu gleicher Zeit fertig wurden und richteten dies aus kluger Berechnung ein, damit jede nach der Lehrstunde ihr neues Hemd über das Kleid ziehen konnte, und alle miteinander zogen dann derart ausstaffiert im Zug durch die Straßen auf Umwegen nach Hause.

Wenn die weißangethane Schar, im Gefühle ihres Fleißes und einer schönen Errungenschaft, bei der Kummerfelden aufbrach, da blickte ihnen diese wohlwollend nach und freute sich über die Hemden, die sie übergezogen hatten. Weder bei ihr, noch bei den Schülerinnen kam ein Zweifel auf, ob dieser muntere Triumphzug auch ganz in den Regeln des Anstandes sich bewegte. Die Mädchen zogen im Schmucke ihrer vollendeten Kunstwerke unangefochten dahin, hörten, wie ein paar verständnisvolle Frauen, an denen sie vorüberkamen, sagten: „Herrjes, da sind die Kummerfeldschen schon wieder mit ihren Hemden fertig!“ Die Gassenbuben riefen ihnen nach: