„Kummerfeldsche Hemdenmätze!“

Man schaute ihnen nach, jung und alt; aber durchaus nur wohlgefällig. Die Einrichtung der Kummerfelden hatte den Charakter einer Sitte angenommen, und einer Sitte, sie mag noch so dumm sein, bezeugt jedermann Verständnis und Achtung.

Außerdem machte der Zug der Hemdenmätze Propaganda für die Nähschule. Das wußte die kluge Kummerfelden ganz wohl. Auf ihren Vorteil war sie sehr bedacht.

Doch mochte sie eine jener Frauen sein, bei denen jede Regung sich in Liebenswürdigkeit verwandelt, Berechnung in artige Laune und Schrullenhaftigkeit in Reiz. Sie war so glücklich, alle ihre Eigenschaften für andere angenehm gestalten zu können, es mochte wohl keines unter ihren Mädchen sein, dem sie nicht eine liebe Erinnerung durchs ganze Leben geblieben ist.

Wenn sich nach langen, langen Jahren, die über das Grab der Alten hingegangen waren, alte Weimaranerinnen auf der Straße begegneten, die in ihren jungen Jahren bei der Kummerfelden genäht und sich vielleicht seit jener Zeit kaum wieder gesprochen hatten, da stiegen ihnen so liebwerte Bilder auf, und die Gestalt der Madame hielt ihnen gleichsam ihre schöne Jugendzeit wie ein gutes Lieblingsgericht, an dem sie nun schon lange nicht mehr gekostet, wehmütig lächelnd entgegen.

Als unsere Röse eine alte, prächtige Frau geworden war, Großmutter und Urgroßmutter, da kam ihr einmal nachts die Erinnerung an eine wunderschöne Geschichte: „Die Abtei Balderoni“, die die Kummerfelden stückweis vorgelesen hatte und die sie nie zu Ende gebracht, denn sie war darüber gestorben. Und die Urgroßmutter dachte noch mit Bedauern daran, daß die Kummerfelden damals nicht hatte zu Ende kommen können.

Die Erzählung, die die junge Röse entflammt, und die Art des Vortrages, die sie hingenommen hatte, wirkte in der alten Frau, über die ein reiches Leben hingegangen war, in der dunklen, einsamen Nacht noch fort, und sie fühlte sich überströmt von Erinnerungen, die ein paar wenige noch mit ihr teilten.

Es war ein unbedingt durchdringender Eindruck, den die Nähmeisterin auf ihre Mädchen ausübte. Sie mochte vorschlagen, was sie wollte, man war immer dabei, ihre Ideen durchzuführen.

So veranstaltete sie Spaziergänge mit ihren jüngsten Schülerinnen, und zwar ging sie mit ihrer Schar in den Park zu bestimmten Stunden, während derer die Herrschaften dort zu promenieren pflegten. Da legte sich die Kummerfelden mit ihren Elevinnen in Hinterhalt, wie die Jäger auf den Anstand, und lauerte, ob sich etwas Fürstliches zeigen würde, und wenn sich etwas näherte, da kamen sie alle vor und gingen entgegen, und die Kummerfelden machte einen so ausgezeichneten, unübertrefflichen Knix, „kautzte so tief“, wie die Mädchen sich ausdrückten, daß sie immer erst nach einer langen Weile, wenn man schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, sie wiederzusehen, in die Höhe kam, mit einem unnachahmlichen, würdevollen Ausdruck, als wäre nichts geschehen.

Sie hatte übrigens während ihrer Versunkenheit alles um sich her bemerkt und besonders das, daß die Mädchen sich gewöhnlich ihr Vorbild nicht zu Herzen genommen und einen äußerst leichtsinnigen Knix zu stande gebracht hatten.