„Denkt Ihr denn,“ sagte sie dann aufgebracht, „daß ich die Knixerei für mich mache? Daß ich mir zur Übung auf die Herrschaften warte, Ihr Dummhüte? Das nächste Mal, wenn wir ihrer wieder habhaft werden, bitte ich mir Gehorsam aus, — hört Ihr? —! Ich könnte Euch ja auch vor Stühlen Eure Knixe machen lassen und weshalb nicht; aber ich bin nicht für etwas Halbes, erst, wenn man in der Patsche sitzt, weiß man, wie man sich benimmt. Also das nächste Mal aufgepaßt!“
Excellenz von Goethe bekam auch so manchen Knix von der Kummerfelden mit ihrer Schar. Für ihn hatte sie besonders weihevolle, doch nicht so tiefe Verbeugungen, wie für die Herrschaften in Bereitschaft. „Jedem das Seine,“ sagte sie. „Geistige Größe ist aller Achtung wert, so lange wir aber im Fleisch und nicht im Geiste wandeln, muß sie zurückstehen.“
„Im künftigen Leben ist das dann anders,“ versicherte sie ihren Zuhörerinnen. — „Dann kommen dergleichen Unsinnigkeiten nicht mehr vor. Hier müssen wir es mitmachen, und wer es nicht thut, zeigt, daß er keine rechte Auffassung und Würdigung des Lebens hat, weder des irdischen, noch des himmlischen.
Macht einer hier Verstöße, wird er sie auch dort machen, denn es kommt alles auf die Klarheit an, daß man die Dinge so ansieht, wie sie sind und wie sie hier angesehen werden müssen.
Wer das thut, ist ein kluger und anständiger Mensch, gegen den sich nichts sagen läßt.“
Das waren weise Regeln der Kummerfelden.
Sie war eine nachsichtige Frau und ließ um sich her Dinge geschehen, die eine andere verpönt haben würde.
Während der Nähstunden trieb sich nämlich vor den Fenstern des Entenfangs allerlei lose Gesellschaft umher.
Die Kummerfelden gebrauchte deswegen eine Vorsicht, sie setzte in die Nähe des Fensters immer die jüngsten, den Jahren nach die unschuldigsten, von denen sie wußte, daß sie noch keine Liebesgeschichten anzettelten.
Die Ratsmädel hatten diesen Vorposten inne; aber wie es so geht, in Ermangelung eines anderen Weges wurde so manches Briefchen geheimnisvoll durch das offene Fenster oder durch eine Spalte geschoben und von den Ratsmädchen der Besitzerin zugesteckt.