Röse und Marie selbst empfingen allerlei niedliche Sächelchen auf diesem Wege, eine Blume, ihre aus Papier ausgeschnittenen Namen: Marie und Therese (Budang war in dieser Kunst Meister), eine Düte mit allerfeinsten Malzbonbons, aber keine Briefchen; bis dahin hatten es unsere beiden noch nicht gebracht. Sie überreichten der Kummerfelden die schönsten der zugesteckten Bonbons, die sich dafür bestens bedankte und selbige ganz munter auf ihrem Throne zerknackte, denn sie hatte gute Zähne.
Das war die Kummerfelden mit ihrer Nähschule, ihrem Verständnis für die liebe Jugend, ihren kräftigen Ausdrücken und ihrer klugen, freundlichen Seele.
Durch Madame Kummerfeld hatte Röse eine wertvolle Bekanntschaft gemacht, nämlich die des Türmers Kesselring, der mit der Nähmeisterin in Verwandtschaft stand, und zu dem Röse verschiedene Male auf den Turm wegen einer Ausrichtung geschickt worden war. Er schrieb Noten und Manuskripte ab, und da die Kummerfelden noch immer ihre Verbindungen mit dem Theater hatte, konnte sie ihrem Vetter allerlei Arbeit vermitteln und besorgen, was sie getreulich that, und so wurde Röse verschiedene Male zu ihren Ausrichtungen benützt. Die hatte sich, wie sie es überall that, wo es ihr gefiel und wo sie sich wohl fühlte, auch bei dem Türmer Kesselring und seinen Leuten einzuschmeicheln gewußt und war auf der Höhe des Stadtkirchen-Turmes ein immer gern gesehener Gast. —
Der Türmer wartete des Amtes, das sein hoher Titel bezeichnet, war nebenbei Abschreiber, Schuhflicker, alles in einer Person, ein fleißiger Mann, der auch allen Grund zu seinem Fleiße haben mochte, denn es galt, für ein ganzes Häuflein Kinder, die in dem Turme eingenistet waren, zu sorgen. Kesselrings waren zufriedene und ordentliche Leute und machten sich das Leben so angenehm, wie es in ihrer Lage irgend möglich war, feierten ihren Weihnachten im Turmstübchen mit aller Festlichkeit, buken zu Ostern und Pfingsten große Kuchen, die sie durch die Turmwinde hinabließen, damit sie im Backhause vollendet würden. Sie leierten sie dann wieder gebacken herauf, daß ihnen der süße Geruch in die Nase stieg.
Röse, die diese Bekanntschaft merkwürdigerweise allein unterhielt, hatte bei den Türmern schon Weihnachten mitgehalten und alle anderen Festlichkeiten, auch die Taufe des jüngsten Türmerleins.
Wie merkwürdig geheimnisvoll und für ein junges Gemüt tief anziehend war ein Weihnachten auf dem Turm!
Wie in Wolken von fallendem Schnee umgeben, saßen die guten Leute und der Gast in dem behaglichen Stübchen bei dem brennenden Christbaum und einem Karpfengericht. Der Wind trieb die Flocken an die Fenster und verdeckte und überzog sie fast. Tief unten in der Stadt leuchteten Lichter durch den Schneenebel, kein Geräusch klang herauf — alles, was den Turm umgab, war Weichheit, Reinheit, Frische, und der Türmer Kesselring blies am offenen Fenster einen Choral in den sprühenden Schnee hinaus.
Und welches Behagen, welche Lebensfreude war in dem engen, hellen Raum, dem einzigen belebten Orte in solcher Höhe! Von Elementen umbraust, hockte es sich so behaglich da oben. Röse kauerte mit den Kindern in einer Ecke, und sie sahen dem Erlöschen der Lichter am Baume zu.
Da brannte eins noch hell, das Stümpfchen war verzehrt; es flackerte auf, es zischte ein wenig und flackerte wieder und flackerte noch einmal und glimmte dann; ein würziger Rauch wie von einem kleinen Opfer stieg auf, und noch ein Glimmen, und es war verlöscht — verlöscht für ein Jahr. Denn bis wieder die Lichter angezündet wurden, mußte ein Frühjahr hingehen, ein Sommer, — ein Herbst, ein langes, langes Leben.
Was konnte dazwischen geschehen? Die Frage that Rösens Herzen wohl; was kommen konnte, war nur Wiederholung von dem, was bis jetzt geschehen, und das war so gut, so schön gewesen!