Und wie unbeschreiblich war es bei Kesselrings; wie sonderbar sich die Karpfen auf Turmeshöhe und auf dem ärmlichen Tisch ausnahmen; so ganz fremdartig, weihevoll und feierlich, und wie sie dufteten, als wären es die schönsten Spiegelkarpfen, und waren doch so kleine, ruppige Dinger, denen man, um ihnen Wichtigkeit für den Magen zu verschaffen, eine tüchtige Portion Kartoffeln zur Begleitung beigeben mußte.
Sie thaten aber, so klein sie waren, ihre volle Schuldigkeit, brachten über alle, die um den Tisch saßen, herrlichste Weihnachtsgefühle, waren für aller Augen unantastbar vorzügliche Weihnachtskarpfen, an denen zu kritteln ein Vergehen gewesen wäre. Wie undeutliche, zum Herzen sprechende Offenbarungen lagen sie auf dem Tisch und verschwanden wie Erscheinungen in den rosigen Mündchen der Kinder, um nur Gräten und angenehme, süße Erinnerung an ihre Gestalt und ihr ganzes weihevolles Wesen zurückzulassen.
Der Pfefferkuchen, die Äpfel, die Nüsse, die unter dem Baume lagen, waren auch für alle Anwesenden nicht gewöhnlicher Pfefferkuchen — nicht gewöhnliches Obst, Gott bewahre! Das waren mystische Dinge, die Lebensfreude, die Überfülle bedeuten und gläubig und fröhlich hingenommen wurden. Weihnachten bei guten, armen Leuten ist etwas Wundervolles!
Auf dem Turm war die beschwerliche Einrichtung, daß jede Stunde zur Stadt herab getutet werden mußte, und nicht nur jede volle Stunde, sondern jede Viertelstunde mit größter Genauigkeit. Ein Uhrwerk gab es noch da oben nicht. Das war eine Einrichtung, die ganz nach Rösens Geschmack war.
Sie steckte oft ganze Nachmittage, ganze, lange Abende hindurch oben bei Kesselrings, zu keinem anderen Zweck, als um pünktlich den Lauf der Zeit der Stadt zuzublasen, dabei machte sie sich ihre Gedanken und kam sich unbeschreiblich wichtig vor. Und so manche Stunde, in welcher in der Stadt Weimar auf Dauer Hinstrebendes geschaffen wurde, so manche dieser Stunden hat ein schöner Mädchenmund vom Turme herab verkündet.