Frau Rat hielt darauf, daß ihre beiden Mädchen alljährlich in den ersten Frühlingswochen eine Erholungskur gebrauchten, zur Kräftigung ihrer Gesundheit und Schönheit.
Sie hatte da einen harmlosen Kräuterthee von dem Vetter Apotheker ausgekundschaftet, den filtrierte sie in frühester Morgenstunde ihren beiden Schelmen ein und ließ sie danach in den frischen Morgen laufen. Sie war nicht dafür, daß man erst abwarte, bis Krankheit den Menschen überkommen und sich gar eingenistet habe, ehe man etwas zur Stärkung thue, sondern hielt es für klüger, dem Übel vorzubeugen, und fuhr auch gut dabei: denn ihre Mädchen gediehen zu ihrer vollen Zufriedenheit, und die jährliche Frühlingskur schlug vorzüglich bei ihnen an, sei das nun dem schönen Morgengenuß zuzuschreiben oder dem guten Appetit, den die beiden sich auf ihren Spaziergängen holten. Trotz der Einfachheit des Lebens bei Rats und mancher ärmlichen Einrichtung wurden unsere beiden in vielen Dingen auf das vorsichtigste gepflegt und behütet.
Frau Rat wußte die Schönheit ihrer Kinder zu schätzen und bestrebte sich, sie ihnen für eine gute Dauer zu kräftigen.
Denn diese Schönheit war deren einziges Erbteil, und Frau Rat wußte aus Erfahrung, welche Ruhe und Heiterkeit aus andauernder Schönheit entspringt.
So wurden unsere beiden von frühester Jugend an mit Bedacht gestriegelt und gebadet, wie zwei wertvolle Pferdchen. Die Mutter hat die Pflege des wunderbaren Haares ihrer beiden eigens übernommen, flocht und kämmte es selbst und wusch es ihnen regelmäßig mit Salzwasser, und das war kein kleines Opfer, das die vielbeschäftigte Frau brachte; aber sie hätte um keinen Preis die Pflege dieses großen Schatzes den leichtsinnigen, unverständigen Dingern selbst überlassen.
So geschah es durch die Fürsorge und Liebe ihrer guten Mutter, daß es eine Freude war, die wohlversorgten Kreaturen anzusehen, trotzdem sie sich auf Straßen und Gassen herumtrieben, mit allerlei Volk verkehrten, ein Leben führten wie ein paar lustige Buben und von jedermann als Ausbünde angesehen wurden, die wenig gelernt und so wenig behalten von aller Weisheit, die man in sie einzufüllen bestrebt gewesen war, daß es eine Schande blieb. Die Mädchen verdankten ihren Morgenspaziergängen mancherlei Gutes, das sie in ihrer Faulheit, wenn die Mutter sie nicht hinausgetrieben hätte, wohl schwerlich erfahren haben würden.
Während dieser Gänge tauchten sie beide in der Stille der unberührten Frühlingsherrlichkeit wahrhaft unter und wurden von der Reinheit der neu erwachten Natur durchdrungen. Sie lernten so das Schöne und Stille lieben, und die gute, sorgsame Frau Rat hätte die beiden Töchter nächst der Jungfer Concordia und der Madame Kummerfelden in keine bessere Schule schicken können, als in die frühe Stunde, die ein erlauchter Lehrer, der Frühling selbst, hielt. Sie kamen immer in einer etwas gesänftigten Stimmung zurück, von der sich Gutes hoffen ließ, und hatten noch dazu von außerordentlichen Erlebnissen, die andern Sterblichen selten oder nie begegneten, zu berichten. Fanden sie auch für ihre Mitteilungen meist wenig Glauben, so ließen sie sich doch durchaus nicht stören, ihre gemeinschaftlichen Gänge zu einem Quell für Wahrheit und Dichtung werden zu lassen; bald war ihnen, als sie mitten im Grünen saßen, ein wildes Karnickel in den großen Hut gelaufen, der neben ihnen lag, bald sonst sehr Ungewöhnliches passiert. Einmal, und das ist eine Geschichte, solcher unartigen Geschöpfe wert, da hatten sie, da sie nichts Besseres zu thun wußten, sich mit ihren Haaren zusammengeflochten und zwar so fest, dicht und verzwickt, daß sie sich schließlich nicht wieder auseinander bekamen und einen alten Herrn, der an ihnen vorüberging, bitten mußten, ihnen behilflich zu sein.
Sie konnten das Benehmen ihres Retters aus dieser Not gar nicht sonderbar und grotesk genug beschreiben, wie er den gewaltigen Knäuel, der die goldene Haarflut Mariens und die bräunlich-blond glänzende Rösens zusammenfaßte, verwundert und bedenklich in der Hand gewogen; wie er die beiden von oben bis unten betrachtet habe, wie wenn er sich vergewissern wolle, ob es auch bei ihnen ganz richtig sei. Röse berichtete auf das genaueste, wie der Herr neben ihnen gestanden. Sie hatten ihre Köpfe so eng aneinander geflochten, daß sie sich, als sie sich erhoben, kaum bewegen konnten, und sie erzählten lachend, wie er nach längerem, verwundertem Schweigen gesagt haben sollte: „Nun teilen mir die beiden holden Kinder aber mit, wie sie zu dem artigen, sie werden mir verzeihen, dummen Streich gekommen sind? Denn, bei Gott, es ist keine Kleinigkeit für ungeübte Hände, solch einen allerliebsten Knäuel auseinander zu bringen.“
Röse schnitt damit wohl etwas auf, daß sie darauf erwidert habe: „Man kommt auf die eine Dummheit geradeso wie auf alle andern auch, ich weiß nicht, wodurch eigentlich, mein Herr.“ Da habe der alte Herr, der eine gelbe Weste trug und ein rundes, weißes Gesicht hatte, sehr gelacht.