„Fremd war er,“ sagte Röse, „sonst hätten wir ihn gekannt. Jedenfalls mußte er irgend ein durchreisendes Licht sein, davon kommen ja gewöhnlich welche an. Ich machte auch so eine Andeutung, und nach seinem Gesicht, das er zog, zu schließen, werde ich nicht fehlgegriffen haben. Unser alter Herr hat übrigens gut daran gemußt, bis er die „Wirrschette“ (wie sie in Weimar sagen) einigermaßen auseinander bekam, und wir konnten uns nicht rühren, ohne daß er zauste, und er hatte geächzt und gelächelt und gestöhnt und um Vergebung gebeten ohne Ende.“

„Ei, was dem Menschen für sonderbare Dinge passieren können,“ hat er in allen Ausdrücken wiederholt.

„Wird es mir einer glauben, was mir hier auf meinem harmlosen Spaziergange passiert ist? Ich möchte mir von den beiden Demoisellen ein Beglaubigungsschreiben über das Begebnis überreichen lassen.“

„Das ist doch so merkwürdig nicht,“ hat Röse gesagt.

„So, so, so,“ murmelte der Fremde. „Was seid Ihr denn für schlimme Nixen, bringt Spaziergänger in Verlegenheit, alte, würdige Herren in Bedrängnis?“

„I bewahre,“ bekam er von Marie zur Antwort, „wie hätten wir sonst nach Hause kommen sollen?“

„Macht nicht solches dummes Zeug, Ihr Mädchens,“ hat sie der Herr in der gelben Weste ermahnt, „Ihr könnt ja in Teufels Küche kommen!“

Wie viel und wie wenig Glauben ihre Geschichtchen fanden, kümmerte sie beide nicht; sie erzählten sie dem, der sie hören wollte und nie kam es vor, daß eine die andere Lügen strafte. Sie hielten zusammen, und was die eine sagte, vertrat ohne weiteres die andere. Ob es wahr oder nicht wahr sein mochte, das stand in zweiter Linie, darauf kam es nicht an. Das erste Bedingnis blieb, daß sie einander beistanden wie ein paar echte, rechte Spießgesellen. Dies Vertrauen, das eine zur anderen hatte, mochte wohl auch der Grund sein, daß sie sich miteinander so wohl und sicher fühlten.

Da war es einmal, daß ein unbeschreiblicher Maimorgen über der Erde ausgebreitet lag, Nachtigallen schlugen im weimarischen Park, der Hollunder duftete, das junge Laub strömte sanfte, würzige Gerüche und strahlendes Farbenlicht aus. Auf den taufeuchten Wegen lag es wie ein Frühlingshauch, so daß sie unbetreten erschienen.

Auf den Wiesen an der Ilm schimmerte noch ein leichter Frühnebel, aber schon wärmte die Sonne und teilte all der zarten Frühlingspracht Kraft zum Ausdauern mit.