„Wir haben uns recht lange nicht gesprochen, dächte ich,“ fuhr er fort; „mein Gott, was das junge Volk heranwächst. Schade, daß es mit allen Dingen so schnell zu Ende geht, und es giebt Schönes! Kinder, es giebt Schönes auf Erden!“
Als sie miteinander bei dem Frühstück saßen, das Karl August seinen jungen Gästen zuliebe hatte durch allerlei Leckerbissen vervollständigen lassen, fragte er, nachdem sein Blick lange wohlgefällig auf den beiden geruht:
„Hat Goethe Euch kürzlich gesehen? Der hat auch seine Freude an den beiden Rangen. Darauf könnt Ihr Euch etwas zu gute thun.
Übrigens vortrefflich, daß ich daran denke. Ihr verderbt mir meine Gitterthür an der Wilhelmsallee; was fällt Euch denn ein; was macht Ihr denn da? Seid Ihr denn nicht klug, Euch dort zu schaukeln?“ Röse und Marie wurden feuerrot. „Dort haben wir Euch kürzlich vom Schlosse aus beobachtet. Goethe hat das Opernglas dazu benützt; er wollte wissen, was für zwei schöne Mädchen solche Gassenbubenstreiche ausführen. Schämt Ihr Euch denn gar nicht, ist denn das Thor zum Schaukeln da?“
Vor den Fenstern des Schlosses, da liegt eine schönbogige Brücke, die über die Ilm führt und die an ihrem Ende durch ein schmiedeeisernes Thor abgeschlossen werden kann.
„Unser Garten liegt ja gleich hinter dem Thor, Hoheit,“ entschuldigte Marie sich, rot übergossen, „da müssen wir manchmal auf den Schlüssel warten, wenn der Vater erst noch etwas zu thun hat, und was sollen wir dann solange machen? Wir haben uns von jeher dort am Gitterthor geschaukelt.“
„Meinetwegen thut’s auch weiter,“ sagte Karl August lachend. „Ich sehe es mir gerne an, besonders, wenn Ihr die weißen Kleider mit den blauen Schleifen anhabt, da macht es sich artig. Ein Ende muß es ja doch einmal nehmen.“
„Ach, das war neulich, am Sonntag Nachmittag,“ sagte Röse zu Marie gewendet. „Vollends Sonntag Nachmittag, da schaukeln wir uns oft dort, da weiß man so wie so nicht, was man anfangen soll.“
„Lesen thut Ihr wohl nie etwas?“ fragte Karl August.
Beide Mädchen blickten verlegen nieder.