Die dicke Nanni sagte, nachdem sie ihre Meinung über das Wetter ausgesprochen und bemerkt hatte, daß den Fruchtknospen nach heuer wenig Obst zu erwarten sei, „ja, Frau Rat, das ist nun so, und wenn Ihr es nicht übelnehmen wollt, da möchte ich Euch mit meines Herzens Meinung kommen. Da Ihr es nicht zu wissen scheint, daß Röse und Marie die Schule schwänzen, so wäre es gut, dächte ich, wenn Ihr es wüßtet, und deshalb habe ich mich heraufgemacht. — Ihr stellt Euch das nicht so vor, aber der Lehrer weiß sich nicht mehr zu helfen; da ist kein Auskommen. Ich sage Euch, Frau Rat“ — so ging es fort. Die Jungfer redete der guten Nachbarin zu, ein strengeres Regiment zu führen. „Die Mädchens würden nun zu groß.“

Bald mußten Röse und Marie vom Schlüsselloche weghuschen, denn der Vater kam die Treppe herauf und ging ernst und gemessen, wie es seine Art war, an den beiden vorüber, die sich ganz harmlos an das Fenster gestellt hatten, und ging auch in das Zimmer hinein. Nun wagten sie nicht wieder, zum Lauschen an die Thüre zu schleichen.

Sie gingen in ihr Kämmerchen, das eine Treppe höher lag, setzten sich miteinander auf Rösens Bett und kamen überein, daß es die dicke Nanni unten durchaus nichts anginge, wie sie es mit der Schule hielten, und daß es von ihr heimtückisch wäre, sie in eine so dumme Verlegenheit zu bringen. „So eine alte Klatsche!“ sagte Röse. Da hörten sie unten die Thüre gehen, faßten sich ein Herz und schlichen sachte oben die Treppe herab, so weit nur, um zu hören, was es gäbe, ohne daß man sie bemerken könnte. Und sie hörten, wie die Mutter mit ihrer eigentümlich weichen Stimme sagte, und jetzt klang die Stimme leise zitternd: „Ich danke Euch noch einmal, Jungfer Veit. Ihr meint es gut, und ich nehme es auch gut auf. Es sind böse Zeiten gewesen, und man hat noch schwer daran zu tragen. Ihr habt mir einen guten Rat mit der Concordia Loisette gegeben, ich werde es mir überlegen.“

„Was denn?“ sagte Röse zu Marien. „Was wollen sie denn mit der Jungfer Loisette?“ „Gar nichts!“ flüsterte Marie und atmete tief auf. Noch nie war die Stimme der Mutter Rösen und Marien so zu Herzen gedrungen, wie eben jetzt. Sie hatte geweint!

„Daran ist die alte Nanni schuld!“ dachte Marie und bog sich etwas über das Geländer. Da hörte sie, wie die Nanni sagte, etwas schnarrend, wie es ihre Art war: „Da habe ich heute eine Eile, kaum daß ich mir den Weg zu Euch, Frau Rat, absparen konnte; muß ich jetzt noch mit meiner Dorothee das Korn in die Mühle tragen, was denkt Ihr, und habe vorher noch die Wäsche zum Einsprengen zu bringen!“

„Geizdrache!“ rief Marie leise hinunter.

Und die Mutter sagte zu Nanni: „Ja, Jungfer Veiten, das solltet Ihr nicht thun, wozu haben denn die Müller die Ställe voll Esel? Ihr solltet doch das Korn nicht selber tragen.“

„Ja, ja, Frau Rat, wo es einen Groschen zu sparen giebt, da sollte man es wohl thun.“ Das sagte sie so etwas anzüglich, wie es ihre Art war. Und Röse und Marie hatten einen rechten Aerger auf sie; sie setzten sich nebeneinander auf der Treppenstufe zurecht und trauten sich nicht, hinunterzugehen.

In Weimar gab es zu jener Zeit gar viele Mühlen. Da war die Burgmühle, die Federwischmühle, die Lottenmühle, die Gassenmühle und noch manche andere. Damals kauften sich die Leute nicht fertiges Mehl, sondern ungemahlenes Korn, das die Bauern Markttags in die Stadt einfuhren, und jede Familie ließ sich des Jahres ein paarmal ihr Korn in einer jener Mühlen mahlen und bestellte sich den Müllerknappen, daß er das Korn abhole. Der kam dann und lud den Kornsack auf seinen Esel. Das war natürlich für die Kinder jedesmal ein Fest.

„So ein Geizdrache!“ sagte Röse wieder. „Schleppt das Korn selbst! Man sollte ihr doch einmal einen Streich spielen und ihr alle Esel über den Hals schicken.“