„Du bist klug,“ meinte Marie, „das möchte ich sehen, wie das anginge?“

„Wir bestellen sie,“ sagte Röse; „das soll keine Menschenseele verraten, daß wir sie bestellt haben.“

Da rückten die beiden Mädchen eng aneinander und flüsterten und zischelten und kniffen sich vor Freude in die Finger. Eine wurde übermütiger als die andere, und es dauerte nicht lange, da schlichen sie die Treppe hinab bis hinunter in den Hausflur und in dem Hausflur stießen sie sich vor lauter Unternehmungslust ein paarmal gegen die Thürpfosten; das war so ihre Art, sich miteinander zu vergnügen. Darauf liefen sie in bester Laune die Gasse hinunter auf den Markt und hatten alle Not und Sorge vergessen. Dort trafen sie einen Jungen, der ihr guter Freund war, den nahmen sie mit und vertrauten ihm alles. Dann schickten sie ihn in die Federwischmühle und warteten draußen vor der Thüre und ließen ihn dem Müller sagen: „Die Jungfer Veit in der Wünschengasse will um sechs Uhr mahlen lassen, einsäckiges Korn, und der Esel möchte kommen.“ Dann gingen sie in die Lottenmühle, in die Burgmühle, und überall mußte der Junge dieselbe Ausrichtung machen. Als sie aber vor der Gassenmühle standen, da sagte der Junge, er wolle lieber nicht hineingehen, denn es hätte mit Budang neulich etwas gesetzt, und da hätte er es abgekriegt. — Budang war der Sohn des Müllers, und der Müller hieß Loisette; dessen Vater war französischer Mundkoch am Hofe gewesen. Der Sohn hieß Heinrich und wurde von Jungen und Mädchen Budang genannt; weshalb, das war nicht recht bekannt. Wahrscheinlich hatten sie ihm einen französischen Namen geben wollen und kannten nur ein einziges Wort, das ihnen französisch vorkam, das war Pudding, das Gute, Süße, die Seltenheit, die mancher nur dem Namen nach kannte. So mochte wohl aus Pudding „Budang“ unter ihnen entstanden sein, denn sie sprachen alle sehr schlecht miteinander, gerade so, wie es auf den Weimarischen Gassen noch heute Mode ist.

Die Gassenmühle war ein wunderliches Haus, hatte den Giebel nach der Straße zu, die sehr abschüssig ist und der Bornberg heißt. In einen ganz kleinen, dunklen Hof führte ein schmales Pförtchen. Durch den Hof aber floß ein klarer Bach, der ein großes, düsteres Mühlrad trieb.

Die Gassenmühle hatte ein geheimnisvolles Aussehen, und man glaubte, daß es darin spuke.

In der Mühle wohnte der Müller Loisette mit seiner Schwester Concordia und dem Sohne Heinrich, der auf der Gasse Budang genannt wurde. Der war ein hübscher Junge und etwas älter, als die Ratsmädel, sehr zierlich, mit krausem Haar und dunklen Augen. Er hatte sich den Schulbuben und Mädchen gegenüber in Respekt gesetzt; wodurch, wußten sie auch nicht recht, aber sie hatten Respekt vor ihm. Er war ein vorzüglicher Schüler, ließ sich nichts zu Schulden kommen und wußte, wenn es darauf ankam, eine tüchtige Faust zu führen, so daß manche von ihm schon etwas verspürt hatten.

Er gehörte aber nicht zu dem Volke, das in dem Wäldchen sein Wesen trieb.

Jetzt standen also Röse, Marie und der Junge vor der Mühle und keines wagte sich hinein. Da kam der Mühlknappe aus dem feuchten, kühlen Hofe und stellte sich breitspurig vor die Pforte, um eine Pfeife zu rauchen. Röse trieb den Jungen an, seine Ausrichtung zu machen, so daß er wohl oder übel gehen mußte, um seinen Spruch dem Knappen zu sagen.

„Die Jungfer Veit in der Wünschengasse will mahlen lassen, einsäckiges Korn, und Ihr möchtet ihr einen Esel schicken, um sechs.“

„Jawohl,“ sagte der Knappe, „heute um sechs.“