Jene Gesellschaft lebenslustiger und gefeierter Mädchen, von denen unsere beiden geplaudert, während sie ihrem Herzog in die Arme liefen, hatten sie bei der alten Kummerfelden kennen gelernt. Als sie eines Tages bei der Nähmeisterin eintraten, gewahrten sie zu ihrem höchsten Erstaunen Personen versammelt, die sie nie dort zu sehen erwartet hätten, die „ganze heilige Klerisei“, mit welcher Bezeichnung sie den Bekanntenkreis einer älteren Cousine beehrt hatten. Zu diesem Kreise gehörten unter andern: Ulrike von Pogwisch, Ottilie von Pogwisch, Adele Schopenhauer, lauter geistreiche Frauenzimmer, die bei den Ratsmädchen eben deshalb nicht in allzu großer Achtung standen. Sie waren sich beide vollkommen darüber klar, daß es bei weitem schönere Amüsements auf Erden gäbe, als in verteilten Rollen zu lesen oder an geistreiche Freunde geistreiche Briefe zu schreiben, oder als „in corpore“, wie sie in Weimar sagen, für den Besitzer einer schönen Seele zu schwärmen. Röse besonders machte sich nicht viel aus dieser Gesellschaft und wich den Mädchen, wenn sie bei der Cousine waren, aus, wie sie nur immer konnte.
So war es den beiden eine fatale Überraschung, diese Herrschaften bei der Kummerfelden anzutreffen. Röse blieb einen Augenblick ganz verblüfft in der Thür stehen. „Marie,“ flüsterte sie, „da wird’s Ernst. Sie wollen sich verloben. Umsonst thun die es nicht, daß sie in ihren alten Tagen noch nähen lernen.“ Die Mitglieder der geistreichen Gesellschaft waren so ein fünf bis sechs Jahre älter, als unsere Ratsmädel, und erschienen daher Röse und Marie als bedauernswert alte Geschöpfe. „Sie haben Goethens August jetzt fest, das sollst Du sehen!“ flüsterte Röse weiter, als sie eingetreten waren und Platz genommen hatten, „oder sonst einen von ihren Schöngeistern. Da wird nun drauf und dran nähen gelernt. Es ist ein Skandal, und wenn sie auch etwas wegkriegen, in einem Jahr haben sie’s sicher wieder vergessen. Dann sitzt August Goethe, oder wen sie jetzt haben, da und kann zusehen, wer ihm seine Sachen flickt. Die,“ sie blickte geringschätzend auf die von ihr besprochenen Mädchen, „die thun’s nicht, sie werden sich hüten.“
„Sie werden ihn ja doch nicht alle heiraten!“ sagte Marie.
„Nein, sie dürfen’s nicht,“ erwiderte Röse trocken; „aber verliebt sind sie alle. Alle, wie sie da sitzen, das ist bei ihnen eine Heidenwirtschaft. Meinetwegen!“
Ottilie von Pogwisch rief Röse und Marie so von oben herab zu:
„Na, was macht Ihr denn?“
„Hohlsäume,“ schmetterte Röse.
„Kommt nur,“ rief Ottilie, „und setzt Euch mit zu uns.“
„Gut,“ sagte Marie, und beide setzten sich unter die andern.