„Aber was wollt Ihr denn eigentlich hier?“ fragte Marie, als sie sich niedergelassen hatten.
„Wir, wir wollen Eure Kummerfelden studieren,“ erwiderte Adele Schopenhauer ziemlich ungeniert laut, da sie von der Schwerhörigkeit der Meisterin überzeugt war. „Wir sind vollkommen objektiv hier.“
„Das wird soviel heißen,“ erwiderte Röse, die es drängte, auf dieses geheimnisvolle Wort hin etwas Verständnisvolles zu entgegnen, „daß Ihr nichts lernen wollt hier?“
„Gewissermaßen, ja,“ bekam sie zur Antwort. „Es ist wenigstens Nebensache.“ Adele zog ein Heftchen aus ihrer Tasche, sie hatte schon damals ihre schriftstellerischen Anwandlungen, und sagte: „Wir sind auf Jagd nach Originalen; sie sollen jetzt mehr und mehr aussterben. Hier,“ sie schlug mit der flachen Hand auf ihr Büchlein, „hier wird eingetragen, was sie auch thun und sagen mag, das tollste Zeug. Wir wollen Eure Kummerfelden verewigen. Wenn Ihr es versteht, sie zum Schwätzen zu bringen, dann thut’s; je mehr, je besser!“
Die Kummerfelden, oben auf ihrem Sitz, hielt sich mäuschenstill, und Röse antwortete: „Pfui, schämt Euch, das ist ja miserabel, herzukommen, um sich über sie lustig zu machen; das leiden wir nicht, das ist betrügerisch. Lernt lieber etwas bei ihr, das ist gescheidter.“
Die Kummerfelden hörte den Mädchen von ihrer Höhe herab behaglich zu und schob eine Haubenklappe etwas vom Ohr, um noch besser zu lauschen. Röse räsonnierte auf das heftigste und verwarf das Vorhaben der gefeierten Mädchen als ganz abscheulich.
Am Abend schrieb die Kummerfelden in ihr Tagebuch: „Ob ich das Honorar, das die Frau Großmama (die Frau Großmama war die Gräfin Henkel) den beiden Pogwischs ausgesetzt hat, annehmen soll, ist mir zweifelhaft, da die Mädchens, und ebenso die Adele nichts profitieren werden.“ Von den Ratsmädchen aber schrieb sie folgendermaßen:
„Gott behüte die freundlichen, wenn auch oft unartigen Geschöpfe. Wahrheit ist Vornehmheit. Herz und Mund auf dem rechten Flecke haben, ist Glück für sich und andere. Gesundheit ist Schönheit und Frische Segen. Das sind meine Lieblinge!“
Durch den Verkehr bei der Kummerfelden wurden die Ratsmädchen in dem Hause bei Schopenhauers heimisch und fühlten sich auch dort wohl und zufrieden. Johanna Schopenhauer, die Mutter Adelens, schien unsere beiden für zwei allerliebste Figuren anzusehen, die ihren Salon zierten, in dem sich allabendlich bedeutende und berühmte Gäste einfanden.
So ließ sie die beiden oft durch Adele zu sich einladen, bald mit, bald ohne Rats, bat die Mädchen, ihr bei dem Umherreichen von Thee und Backwerk behilflich zu sein und erntete von allen Seiten Lob, daß sie die beiden Pagen sich zugelegt hatte.