So waren sie eines Abends auch zu Schopenhauers eingeladen; ihre Gönnerin hatte angeordnet, daß sie in weißen Kleidern kommen sollten, und als sie zu der ihnen bestimmten Stunde erschienen, wurden sie von Madame Schopenhauer und Adele in deren gemeinschaftliches Schlafzimmer geführt. Dort lösten sie ihnen die prächtigen Haare auf. Jedem von den Mädchen drückten sie einen dichten Rosenkranz, aus den schönsten Rosen, tief in die Stirne, und so verwandelten sich die zwei in Genien, wie sie nicht anmutiger gedacht werden konnten.
Adele war ganz hingenommen von dem reizenden Anblick und zeigte sich rückhaltlos liebenswürdig.
Während sie sich damit beschäftigte, die Reize der beiden Mädchen schön hervorzuheben, behandelte sie Röse und Marie in einer Art Schaffensfreude wie zwei Kunstwerke, die aus ihrer Hand hervorgegangen waren.
„So, jetzt sind sie fertig!“ sagte Madame Schopenhauer, als Adele sie ihr zur Prüfung vorgeführt hatte. „Nun stelle sie hinaus und sieh zu, wie es gelingt.“
Den beiden Mädchen wurde jetzt die Anweisung gegeben, draußen auf der erleuchteten Treppe Goethe zu erwarten, der nach längerer Zeit zum ersten Male wieder den Abend bei Madame Schopenhauer verbringen wollte.
Das fuhr den beiden doch etwas in die Glieder.
„Ach, du großer Gott!“ rief Röse in einem wahren Schreckenston.
„Hört einmal,“ antwortete Adele, „seid nicht dumm und verderbt uns unseren schönen Plan nicht. Ihr stellt Euch draußen auf die Treppe hin und wartet. Das könnt Ihr doch? Und wenn er kommt, sprecht Ihr kein Wort, faßt ruhig seine Hände und führt ihn zu uns herein und nehmt ihm erst vor der Thür seinen Mantel und Hut ab. Alles ganz ruhig und still; und wenn er mit Euch spricht, so antwortet ohne Scheu, Ihr seid ja nicht auf den Mund gefallen. Und nun allons, es wird nicht lange dauern!“
Damit nahm sie Marie an der Hand; Röse folgte, und sie führte beide zur Thüre hinaus.
Im Nebenzimmer waren schon Gäste versammelt. Man hörte eine lebhafte Unterhaltung. Als Marie und Röse draußen auf der Treppe standen, blickten sie sich verdutzt an.