„Du großer Gott!“ murmelte Röse noch einmal. Marie zeigte sich vollkommen gefaßt. „Er mag nur kommen,“ sagte sie so ruhig, etwa wie ein Jäger, der sich bereit gemacht hat, einen Bären gehörig zu empfangen. Jetzt ging die Hausthür. „Das ist er!“ flüsterte Röse.
Ungemein leichte, elastische Schritte hörten sie auf der Treppe. Der Ankommende mochte wohl zwei Stufen auf einmal nehmen.
„Das ist er nicht,“ sagten sie.
„Das muß Schopenhauers Kater sein,“ meinte Röse leise. „Paß auf! Daß er heute auch kommt, wundert mich!“
Der Ankommende war Arthur Schopenhauer, der Sohn Johannas und der Bruder Adeles.
Ein närrischer Gast, der mit aller Welt so übel wie möglich stand. Wenn er sich in den Gesellschaften seiner Mutter sehen ließ, gab er die sonderbarste Figur ab und brachte die gute, formgewandte Frau während seines Aufenthaltes in ihrem Salon aus aller geistreichen Würde und Fassung durch Paradoxen, unartige Angewohnheiten, beißende Urteile und Kritiken und berührte ihre an Almanachszartheit gewöhnte Seele durch aufrührerische Aussprüche auf das unangenehmste. Dieser Störenfried der schöngeistigen Theeabende seiner Mutter stürmte die Treppe herauf, prallte um ein Haar mit den Ratsmädchen zusammen, sah auf, starrte sie wie aus einem Traum erwacht an und sagte: „Bei Brahma! was ist denn los?“
„Wir sollen Goethe erwarten,“ antwortete Marie schüchtern.
„Das ist echte Weiberart! Können sie denn nicht aufhören drinn, den Alten zu beschwindeln?“ polterte Frau Johannas Sohn. „Wozu die Allotria? Es ist ihnen nicht Einhalt zu thun, den Weibern! Sind sie mit Gottes Hilfe soweit gekommen, daß sie unschädlich geworden sind, da suchen sie Krücken und Stützen, exerzieren sich ein Vikariat ein, um zu beschwindeln. So lernt’s auch nur beizeiten, Ihr Schippchen!“ damit war er an den beiden Mädchen vorübergestürzt.
„Grobian,“ sagte Marie.
„Grobian,“ wiederholte Röse, „hör mal, grob ist er, mir aber lieber, als alle zusammen drinnen mit ihrem Gethue, und garstig ist er auch, aber, flink und behende, und seine Augen sind nicht übel.“