„So albern wie heute,“ unterbrach Budang sie, „seid Ihr mir noch nicht vorgekommen, gerade jetzt dachte ich, wie hübsch vernünftig und ordentlich Ihr nach aller Mühe geworden seid, aber proste Mahlzeit. Die beiden Esel hätten wahrhaftig etwas Besseres thun können, als Euch die Zettel zu schreiben. Das beste ist, thut das Briefzeugs fort, daß es Euch nicht noch mehr die Köpfe verdreht, oder gebt es mir, ich hebe es Euch auf.“

„I, Gott bewahre,“ sagte Röse, „die Briefe bleiben bei uns in unserm Schränkchen.“

„Meinetwegen!“ brummte Budang.

Die Ratsmädchen besaßen jedes ein Schränkchen, braun gestrichen, aus Tannenholz und mit Rosen bemalt, in der Art, wie die altweimarischen Tischler den Blumenschmuck auf den Bauerntruhen und Betten zu stande brachten. Jedes war eine Elle hoch, nicht allzu tief, so daß sie außerordentlich handlich waren und bald dahin, bald dorthin von den Besitzerinnen geschleppt wurden, je nachdem sie eine Näscherei, ein Geheimnis verborgen hielten, und es den beiden wünschenswert erschien, die Schränkchen in sicherer Nähe zu haben. In diese Schränkchen also wurden die Liebesbriefe gesteckt, jede that den ihrigen in eine Bonbonschachtel.

Sie holten sie tagsüber wohl zehnmal heraus, beguckten sie sich gegenseitig und waren sehr zufriedengestellt. Aber wie es so geht: Marie erboste schließlich Rösen; sie hatte ihr gesagt, daß das Gedicht auf den Hut mit ihrem Brief nicht in Vergleich zu ziehen sei, hatte ihr die Vorzüge ihres Briefes und die Mangelhaftigkeiten des Gedichtes zu Gemüte geführt, so daß Röse mißlaunig wurde, und beide in eine Zänkerei verfielen, die sich eine gute Weile hinzog.

Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehört. Als sie eintrat, sagte sie ruhig: „Was fällt Euch ein, Ihr Mädchens?“ Sie sahen ganz verwildert aus, und Röse rief: „Die Marie hat einen Liebesbrief im Schränkchen!“

„Herrgott!“ rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, „die Klatsche! Die hat auch einen!“

„So,“ sagte Frau Rat, „zeigt sie mir.“

Da brachten sie beide ihre Schränkchen gutwillig angeschleppt. „So, nun schließt sie auf.“

Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den Liebesbrief und überreichte ihn der Mutter.