Aber sie hat trotz alledem in ihrem Hause und unter ihren Kindern wie ein Licht geleuchtet und wie eine Blume geblüht. Ihre beiden Mädchen hingen an ihr mit einer Bewunderung und Liebe, als verständen sie die unbesiegbare Schönheit ihrer Mutter, die in jeder Bewegung, in jedem Wort noch lag, als Müdigkeit und Arbeit und Sorge Silberfäden in das Haar und Fältchen um Auge und Mund gezogen hatten. Das war keine Schönheit, die abgenutzt werden konnte, das war echt, echt wie Gold.

Röse und Marie waren von dem Wesen ihrer Mutter oft ergriffen und oft gebändigt.

Sie wurden wegen einer häßlichen Antwort, einer Unfreundlichkeit bestraft, während man ihnen manchen dummen Streich liebevoll hingehen ließ. Freiheit war ihnen in reichem Maße zugemessen; aber im gegebenen Augenblick hatten sie sich zu fügen und zwar in aller Liebenswürdigkeit.

Da war die wunderschöne Zeit herangekommen, die den Ratsmädchen die „ersten Liebesbriefchen“ einbrachte. Sie hatten diesen Augenblick schon geraume Weile voraus kommen sehen und waren nicht umsonst „Botengängerinnen“ gewesen, die die Herzensgeheimnisse der Geistreichen zwischen diesen aus und ein trugen.

Marie hatte einen glühenden und sehr schmeichelhaften Brief von einem jungen Rheinländer erhalten, der sich seit wenigen Monaten in Weimar aufhielt und von dem schönen Mädchen sich ganz bezaubert fühlte. Rösen hingegen war ein Gedicht zugesendet worden, das die Reize ihres Hutes behandelte, den ein holder Jüngling, der Verfasser der Verse, ihr bei einer Landpartie getragen und mit zu sich genommen hatte, aus Vergeßlichkeit, oder um Gelegenheit zu haben, seinem Herzen durch ein paar tiefgefühlte Reime Luft zu machen.

Beide, Röse wie Marie, waren über die ihnen zugedachte Sendung außerordentlich erfreut und vertrauten ihr Geheimnis Budang an, ließen ihn die Briefe lesen, fanden aber zu ihrem Erstaunen, daß Budang die Angelegenheit sehr kühl und von oben herab behandelte.

„Hört einmal, macht keine Dummheiten; es ist ein rechtes Elend, daß Ihr damit anfangt, was fällt Euch denn ein?“

„So,“ sagten Marie und Röse, „ich dächte, es wäre nun Zeit. Es giebt Mädchen, die in unserem Alter schon verlobt sind.“

„Jesus,“ rief Budang ganz erregt, „das fehlte noch! Jetzt denken die an so etwas! Ihr solltet Euch schämen!“

Röse und Marie aber lächelten, und Röse sagte ruhig: „Nein, das ist jetzt in der Ordnung, wir wollen auf alle Fälle heiraten, das haben wir miteinander besprochen. Früher waren wir dagegen. Neulich haben wir uns aber, als wir abends in der Wünschengasse auf und nieder gingen, darüber miteinander beraten. Marie will schon in allernächster Zeit sich verloben, sagte sie mir. Sie hält das für gut und hübsch, es sehr früh zu thun. Man bekommt dann mehr Ansehen, meint sie, und ich glaube, sie hat recht.“