Durch diese kluge, freie Erziehung spürten sie im freundschaftlichen Zusammenleben mit Leuten in weit voneinander getrennten Lebensstellungen überall das Menschliche als die Hauptsache heraus; die Verhältnisse verdeckten es ihnen nicht, wie es bei denen, die in einem engen Gesichtskreis erzogen wurden, wohl meist der Fall ist.

Es war selten, daß unsere beiden, wenn sie nach Hause zurückkehrten, von einem Spaziergange, einer Besorgung in der Stadt, einer Gesellschaft oder vom Markte, sie nicht erfüllt von der Freundlichkeit der Menschen waren, und mochte ihnen etwas Gutes durch das Marktweib, oder den Handwerkermeister, oder durch Karl August, oder gar Geheimrat Goethe selbst angethan worden sein, sie schienen nur eine Art von Dankbarkeit und Wohlwollen in sich zu haben, eine einzige Art, die für alle herhalten mußte.

Frau Rat hatte darüber ihre Freude. Sie war es, die so zu fühlen ihren beiden kleinen Gerechten gewünscht, die sie darauf hingeleitet hatte, und war dankbar, als sie ihre Wünsche sich erfüllen sah.

Die wenigsten Menschen kennen das, was man Lebensgenuß nennt, und alle guten Christen eifern mit Zorn, Predigen und Strafen dagegen, preisen Pflichterfüllung, Aufopferung, Enthaltsamkeit, Überwindung als etwas Nützlicheres, Beglückenderes und Schöneres an; statt aber gegen den verpönten Lebensgenuß zu eifern und überzeugungstreu zu predigen, sollte man der Menschheit zurufen: Genießt den Tag, genießt jedes Wort der Liebe, jede Freundlichkeit, jede Wärme, verzeiht über jedes Maß, um friedlich zu leben, nicht, weil es lobenswert ist, seid gut, nicht, weil ihr deshalb als vortrefflich angesehen werdet — nein, nur um friedlich und erfreulich zu leben; helft auch deshalb nur einander, denn es ist schön, es ist göttlich, zu leben, nicht grübeln, was danach kommt. Dunkle Frage an ein unverbrüchliches Schweigen gerichtet! Lernt zu leben! Das Sterben wird uns gelehrt ohn’ unser Dazuthun. Die Sünd’ mit glänzenden Farben malen und das Dasein in seiner Trockenheit, Pflichterfüllung darstellen, nach hohen Zielen strebend, das ist ein vielbeliebter Kunstgriff, um Rekruten für die Tugend zu werben. Und man wirbt auch damit. Ob es oft glückt? Ich weiß es nicht. Die aber, welche kräftig wollen, bleiben von dergleichen gut gemeinten Lehren im innersten Herzen unberührt. Wir wachsen wie das Getreide auf dem Felde; ist uns der Boden günstig, wachsen wir gut, ist uns der Boden ungünstig, wachsen wir schlecht. Wohl denen daher, die in gutem Boden stecken.

Die größte Wohlthat, die die Natur unseren beiden schönen Kindern zugeteilt hatte, war die gesunde Freisinnigkeit ihrer Mutter. „Überwindet Widerwärtiges,“ sagte sie ihnen, „nicht, weil es überwunden sein muß, sondern weil Ihr wißt, daß alles hier auf Erden wechselt und nichts Bestand hat, und es ist unklug und macht blind und einseitig, wenn wir uns von etwas ganz unterdrücken lassen. Die Ereignisse haben nicht das Recht dazu, dies zu thun, sie können es eigentlich gar nicht.“ Und weiter: „Strebt danach, alles schön zu thun, das ist besser, als gut; denn wenn Ihr nur die Dinge gut verrichten wollt, das ist nichts; eine gute That kann mürrisch und unliebenswürdig gethan werden. Thut, was Ihr thut, liebenswürdig und schön, dann werdet Ihr geliebt. Wenn ich Euch doch die Liebe zur Schönheit in die Herzen pflanzen könnte für alle Zeit, dann ließ ich Euch laufen, wohin Ihr wolltet. Die Liebe zur Schönheit ist die Liebe, die den Menschen am reinsten erscheinen läßt, die allerunschuldigste, denn sie läßt vieles, wie Überhebung, dummen Stolz, Härte, Wut nicht an ihn heran; die anderen guten Eigenschaften, die er sich aneignen kann, bringen ihm leicht eine schlimmere mit ein; da ist die Frömmigkeit, die bringt im Nu Überhebung. Man hat es oft, daß soviel Frömmigkeit, soviel Hartherzigkeit da ist und Verachtung der Nichtfrommen.“

So empfahl Frau Rat ihren beiden Mädchen die Liebe zur Schönheit an als moralischen Lebenshalt.

Und wenn viele Mütter Frau Rat verstehen würden und die anspruchslose Weisheit in sich aufnehmen könnten, ein heiteres, gutartiges, freundliches und kraftvolles Geschlecht sollte entstehen. Schönheit ist nur in Verbindung mit Kraft zu denken.

Frau Rat selbst war bewußt und unbewußt ganz durchdrungen von dieser leisen Liebe zur Schönheit.

Das Titelbildchen, das sie uns als ganz junge Frau zeigt, hat etwas von einer schönen Blume, ein Geschöpf, das man sich nur gepflegt, behütet, angebetet vorstellen kann; auf weichen Teppichen gehend, mit schönen Dingen umgeben, verwöhnt, verhätschelt, geliebkost.

Von alledem aber hatte sie nichts erfahren. Ein hartes Leben, einen älteren, überernsten Gatten, Kargheit, Arbeit von früh bis spät, das war ihr Schicksal.