Nun wollen wir hier nur noch erwähnen, daß die Fabian sehr entrüstet gewesen ist, als sie mit der Zeit erfuhr, daß der August von Goethe ihren guten Rat in den Wind geschlagen, indem er eine Frau nach seinem eigenen Geschmacke und gegen die Ansichten der Kummerfelden und der Rabenmutter gewählt hat.

Sechste Geschichte.
Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die ersten Liebesbriefe ihrer Töchter dachte.

Wie zwei Vögel in einem herrlichen Garten harmlos leben, in dem die wunderbarsten Seltenheiten grünen, blühen und Früchte tragen, so lebten die beiden jungen Mädchen, Röse und Marie, in Weimar. Welche Wunder, welche Außerordentlichkeiten sich auch um sie her begaben, sie erachteten das überreich entfaltete Leben als nichts Erstaunenswertes, so wenig sie über ihre eigene Existenz erstaunten. Es war ganz in der Ordnung, daß gerade zu ihrer Zeit die Welt einmal gehörig in Gang kam. Sie hatten ihre Freude daran, daß es in Weimar so viel zu sehen und zu erfahren gab, daß im Theater alle Augenblicke etwas Neues, was man unter allen Umständen sehen mußte, zur Aufführung kam, daß Budang ihnen hin und wieder erklärte, sie lebten in einer Zeit, wie sie noch nicht auf Erden dagewesen sei, von der man in Jahrtausenden noch reden würde.

Das war den Ratsmädchen angenehm zu hören und trug das Seinige zu ihrem Selbstbewußtsein mit bei. Sie empfanden eine bewegte, schöne Atmosphäre um sich her und gediehen in ihr. Die verschiedensten Kreise der weimarischen Gesellschaft waren ihnen vertraut. Sie verkehrten, wie wir es wissen, im Salon der Madame Schopenhauer; ebenso gern aber steckten sie bei Kesselrings im Turm, bei Budangs Angehörigen, den Müllersleuten, und dann wiederum erschienen ihnen Apothekers als die Krone der Gesellschaft.

Die beiden thaten einen weiten Blick in das Leben schon in frühester Jugend und genossen das Gute, Lebensvolle, daß sich ihnen in den verschiedensten Verhältnissen darbot, in vollen Zügen.