„Ja freilich, mein Herz,“ sagte das Gomelchen und lächelte unter Thränen, „ich bin ein recht undankbares, altes Weib; aber es ist doch so; es wird zu viel im Leben dem Herzen wieder abgefordert, gar zu viel. Gottlob, daß es Freuden und Freunde giebt, die sich unmerklich vergessen. Das Leben ist eigentlich für unbegabtere, gefühllosere Geschöpfe, als wir sind, berechnet, oder für göttliche Geschöpfe, die über allem stehen, über dem Dasein selbst, über Tod und Abschied, über jeder Not und Qual; für solche mag es ein gutes Leben sein; aber die arme Mittelsorte! für solche Leutchen wie du und ich, für die ist’s schlimm, die haben mehr als die einen, und weniger, als die andern, und wissen sich nicht zu helfen, wenn’s auch so ausschaut, als wüßten sie’s. Nun geh nur, und laß es unten sagen, daß Du Deinen Thee bei mir trinken wirst, und komme auch gleich wieder.“

Und wie gerne kam die Enkelin! Eine Theestunde bei Gomelchen hat die Eigenschaft, Sorgen und Trauer weich mit Behagen zu überdecken. Zu dieser Stunde wagt sich kein Leid der Welt in das blumenduftende, hübsche Zimmer herein, in dem der Theekessel summt, und in dem das freundlichste Herz seine Gäste bewillkommnet, ein Herz, das jeden Schmerz, bis in das hohe Alter hinein, wie ein Kind ohne Bitterkeit überwinden kann, nicht düster, nicht verschlossen, ein Herz, das bis in das hohe Alter die Augen im selben Augenblick weinen und lächeln läßt.

Als die Enkelin wieder hereintrat, fand sie die liebe Frau gelassen, doch mit zitternder Hand damit beschäftigt, den Theetisch für sich und ihren Gast zu ordnen. Aus einer Büchse nahm sie Eingemachtes und füllte es in eine kleine Krystallschale, die sie der Enkelin vor ihren Platz stellte mit einer Miene, der man es ansah, wie gerne sie jemandem etwas zu gute that.

Die Enkelin schaute ihr zu, fiel ihr um den Hals und flüsterte: „Wollte Gott, es gäbe viele Ratsmädel und viele Gomelchen auf der Welt, dann würden die Leute, wenn sie jung wären, mehr lustige Streiche machen, und wenn sie alt geworden, da wäre es erst recht hübsch; da hätten sie solche wundervolle Blumenstübchen wie Du, und alle Welt liebte sie, und sie hätten so gemütliche Theetische, und jede Freude sähe bei ihnen doppelt wie Freude aus, und jeder Schmerz machte sie so unbeschreiblich rührend und liebenswert, wie er Dich macht, mein liebes, liebes Gomelchen“ — und die Enkelin hielt sie noch immer umfaßt. In beider Augen schimmerten Thränen, und sie setzten sich miteinander ganz einverständlich und voller Liebe zu einander hinter die summende Theemaschine, das Gomelchen in ihren weichen, gemütlichen Lehnstuhl. Die Lampe leuchtete unter dem großen rosa Schirm, und die Enkelin sagte: „Ich verstehe Dich, mein Gomelchen, das einzige, was auf Erden das Herz ruhig und glücklich macht, ist: Gut miteinander zu sein.“

Anmerkungen zur Transkription

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