„Daß ich nicht wüßte,“ erwiderte das Gomelchen treuherzig. „Von dem Tage bei der Jungfer Concordia an, wo wir ihn zuerst länger sprachen, haben wir ihn, Marie und ich, immer ästimiert und voller Respekt behandelt. Zu Streit und Ärger hätte es nie mit ihm kommen können. Das ging alles so ruhig hin, man wußte nicht wie.“
„Und hat er denn nicht einmal zu einer von den Ratsmädchen eine wirkliche Liebe gefaßt?“ fragte die Enkelin.
„I, gar!“ antwortete das Gomelchen, genau in dem Ton, als sagte dies die junge Röse. „Er ist immer unser guter Freund geblieben; als wir uns verlobten, war er zwar nicht sehr erbaut davon, aber nur aus dem Grunde nicht, weil er uns noch für erschrecklich dumm hielt und weil er meinte, wir hätten noch mit dem „Unsinn“ warten können. Mein Mann und er sind dann ganz gute Freunde geworden, so daß der Budang oft sagte: Siehst Du, Röse, nun bin ich doch für die viele Mühe, die ich mir mit Euch gab, belohnt worden. Er wäre für meinen Mann ins Feuer gegangen!“
Da leuchteten Gomelchens Augen von Liebe und Stolz auf.
„Und hat denn der Budang nie eine Dummheit gemacht, ist denn sonst nie etwas zwischen Euch gekommen?“
„Das mag schon sein — ich werde mich schon manchmal über ihn geärgert haben; aber das vergißt sich, und ich habe immer über die Freundschaft meine eigenen Gedanken gehabt und die will ich Dir sagen, die kannst Du Dir merken. Siehst Du, man muß gegen einen Freund zu allererst wohlwollend sein, wohlwollend in jeder Hinsicht — Ärger darf gar nicht Platz greifen. — Wenn Du Dir vorstellst, jemand, den Du lieb hast, habe irgend eine Angewohnheit, die Dir nicht recht ist, und stellst Dir vor, daß er auf lange Zeit totkrank wird, Du fürchtest ihn zu verlieren, — da aber mit einem Male ist die Gefahr vorüber — er wird gesund, und Du hörst ihn zum ersten Male wieder so recht nach Herzenslust schnaufen, oder was er gerade für eine Art, die Leute zu ärgern, an sich hat — Du aber fühlst nur: Gott sei Dank, er schnauft wieder! und da hast Du auch keine Spur von Ärger darüber. So muß es sein. Du mußt, wenn Du jemanden liebst, immer im vollen Bewußtsein Deiner Liebe und der Sorge, ihn zu verlieren, leben, dann lässest Du nichts in Dir aufkommen, was Ärger und Unwille und Ungerechtigkeit ist.“
„Ach, Du liebes Gomelchen, wer ist noch so gut wie Du!“ rief die Enkelin und küßte ihr die Hände. „Das ist wahr, in Deiner Liebe zu den Menschen ist auch nicht ein Fünkchen Ärger mit hineingemischt; da ist wohl kein Schlingel schlimm genug, der nicht bei Dir Trost fände, wenn er zu Dir käme. Ich habe oft gedacht: Bei Dir giebt es Gute und Böse gar nicht, sondern nur Leute, mit denen man freundlich und hilfreich sein muß. Bist Du denn immer so gewesen, auch früher so gut?“
„Hör einmal, Du,“ sagte das Gomelchen, „Du bist eine rechte Schmeichelkatze, was hast Du denn mit Deiner Alten? Von der ist überhaupt nicht zu reden. Was machst Du denn für ein Aufhebens! Wenn ein altes Weib nicht so lieben dürfte, wie es die Leute lieben will, wer möchte da ein altes Weib sein! ich gewiß nicht!“ sagte das Gomelchen. „Wir Alten, Gott Lob, können lieben, wie wir wollen. Wir suchen auf Erden nichts mehr, glaub mir, keine Wichtigkeit mehr, auch keine Gerechtigkeit, nichts — gar nichts. Glaubst Du, der liebe Herrgott oben weiß etwas von Gerechtigkeit, von Härte, von Liebe, von Lieblosigkeit, von Würde oder von Vortrefflichkeit? Bei ihm da oben hört das dumme Zeug auf, der ganze Wirrwarr, alles Gezerre, aller Streit. Da ist ewige Ruhe und Stille. Und die Seele kommt zu ihm ganz unschuldig, wie der Wind und der Blitz. Nicht wahr, der Blitz ist doch unschuldig, wenn er in einen Baum gefahren ist, und der Wind ist unschuldig, wenn er im Meere gewirtschaftet hat? Oder ist er ein böser Blitz oder ein ungerechter Blitz — oder irgend etwas dergleichen? Wenn alles, was menschlich ist, von der Seele zurückgelassen, ist auch alles, was man so oder so nennt, von ihr fortgenommen, alles, was böse oder gut ist. Siehst Du, und wir alten Leute haben schon das meiste zurückgelassen. Die Seele ist schon freier in uns — das ist’s — und hin und wieder fühlt man’s auch ganz klar, in glückseligen oder schmerzlichen Augenblicken. Ach, mein Herzenskind,“ sagte das Gomelchen, „die ganze Welt steckt so voller Ungerechtigkeit, voller Zank und Streit, voller Wichtigthun und Widerstand, voller Verwirrung und Irrtum und Mißverständnis, daß ein armer Mensch bei seinem Freunde, zu dem er in Liebe und Vertrauen kommt, nichts finden soll als eine weiche Ruhe und Stille, wie die Seele sie bei ihrem Gott findet, bei dem das nicht ist, was wir gut und böse nennen — Frieden — Frieden. Nicht dasselbe Spiel, das überall getrieben wird, soll dem Armen auch bei dem Freund bereitet sein — auch nicht ein klein wenig davon. Mein Liebling, merke Dir das, denke nie, nimm Dir nie vor, daß Du Deinen guten Freund durch Deine Weisheit und Vortrefflichkeit bessern oder beeinflussen willst. Laß das den Lehrmeistern, den Gouvernanten, und wie all die ernsten Leute heißen; sei Du klüger. Das Leben macht seine Sache ganz ohne Dein Zuthun. Freunde sind nur da, um das, was das Leben anrichtet, vergessen zu lassen. Gott gebe Dir, daß Du verstehst, beglückend zu lieben.“
Da faßte das Gomelchen den Kopf der Enkelin mit beiden Händen und zog sie zu sich nieder, und in den Augen glänzten ihr helle Thränen: „Lieben, geliebt werden, mein Herz, ist das einzige Glück auf Erden. Meine selige Mutter wußte wohl, was sie meinte, als sie sagte: ‚Liebt das Schöne mehr, als das Gute.‘ Sie konnte die würdigen Leute nicht leiden. ‚Alle vortrefflichen Leute wissen, daß sie vortrefflich sind, und sind deshalb hart und hochfahrend und bösartig, weil sie glauben, die ganze Welt strafen zu müssen,‘ sagte sie; sei Du klüger. Meine Mutter hatte recht, anmutig die Thorheiten thun, die man nun einmal im Leben thun muß, ist besser, als daß man sie würdig und vortrefflich thut. Anmut läßt keine Herzensbosheit, keine Wut, kein Wichtigthun aufkommen. Gott behüte Dich, mein Kind … Weißt Du,“ sagte Frau Gomelchen, „Du könntest heute den Thee bei mir trinken, mir ist so vereinsamt zu Mute. Herr, mein Gott, ich weiß gar nicht, ob ich Dir es wünschen soll, alt zu werden. Das Abschiednehmen von den teuern Lieben, einer geht — und wieder einer geht — und wieder einer — und wieder einer — und der letzte geht — ’s gar zu jämmerlich. Mir ist’s grad’, als wäre ich die Hausherrin, die Wirtin; alle meine lieben Gäste, die so heiter waren, empfehlen sich, und ich bleib allein im Haus, und die Lichter gehen aus — und es wird öde und Nacht — und still.“
„Mein Gomelchen,“ rief die Enkelin bewegt. „Wir sind bei Dir! — Ich bin bei Dir, mit mir rede von alten Zeiten.“