Frau Gomel nahm von den Töchtern Abschied. Die wollten sie gar nicht gehen lassen und waren ganz aufgelöst in Schmerz um ihren alten Vater, der der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Sie hätten die, die es so gut mit ihnen meinte, gar zu gern bei sich behalten. „Ihr müßt nicht so außer Euch sein,“ sagte das Gomelchen. „Gönnt ihm seine Ruhe, wie Ihr ihm sein Leben gönntet — das eine wie das andere muß sein. Schaut Euch die Welt mit seinen Augen an, dann habt Ihr ihn in Euch. — Vergeßt auch nicht, heute Abend hinunter in den Park zu gehen. Jetzt schlagen die Amseln, da hat er es nie versäumt, hinzugehen, so lange er gesund war. Geht nur — das wird Euch wohl thun. Zu unserer Zeit sind wir gar oft zum Amselschlag miteinander gegangen. Thut’s nur heut’ Abend und nehmt Euch hübsch zusammen. Ihr habt es ja immer gut mit ihm gemacht und könnt Euch zurückrufen, wie dankbar er war bis zum letzten Augenblick. Das ist ein Trost, den haben wenig Menschen. Den meisten mögen die bitteren Stunden, die sie einem Heimgegangenen zugefügt, mitten in den ersten Schmerz hinein in die Erinnerung kommen. Bei Euch braucht das nicht zu sein, Gott Lob. Lebt wohl, Ihr guten Mädchen,“ sagte das Gomelchen und schloß eine jede in die Arme. „Lebt wohl und seid recht gelassen, so wie er es gern sehen würde. Die Blätter fallen nun einmal im Herbste.“

Und immer wieder nahm das Gomelchen Abschied von den Töchtern ihres alten Freundes. Es war, als wenn sie versuchte, ob nicht das rechte Trostwort sich vielleicht doch einstellen würde. Auf dem Heimwege war sie ganz schweigsam. Als sie aber ihre Treppe langsam und matt hinaufstieg, sagte sie: „Siehst Du, nun ist alles abgethan. Nun lebt von meinen Guten keiner mehr; mit dem letzten, der sie kannte und liebte, sind sie mir alle noch einmal gestorben.“ Enkelin und Großmutter gingen miteinander in das sonnige Stübchen. Da legte sie sich nieder und schaute mit einem so geduldigen, freundlichen Ausdruck vor sich hin, der tief ergriff. „Die alte, alte Sonne, die scheint unentwegt,“ sagte sie und schaute auf das Lichtgefunkel, das auf den Blättern und Blüten und auf dem Teppich in Flecken und Ringen spielte. Kein Laut war im Zimmer zu hören. So blieben sie beide schweigsam.

„Hör einmal,“ sagte Frau Gomelchen freundlich, „zieh doch das oberste Kommodenfach auf und gieb mir einmal das Packet, das rechts liegt, heraus.“

Die Enkelin that so.

Gomelchen nahm es, öffnete es, da lagen zarte, gelbliche Spitzen in der Papierhülle. „Die hab ich Dir dieser Tage gekauft, Du hast ja so etwas gern,“ sagte sie liebevoll und faßte die Hand der Enkelin und sah sie an, so wehmütig, beinahe wie hilfesuchend.

Da schlang diese die Arme um sie, und das Gomelchen fragte freundlich: „Wenn Du irgend etwas für mich zu thun hast, das gieb nur her und sag mir nur alles, was Du vorhast und was Du denkst. Das ist mir die allergrößte Freude.“

„Ach, mein Gomelchen!“ flüsterte ihre gute Kameradin unter Thränen und hatte ganz die rührende, freundliche Seele verstanden.

„Und Ihr seid, der Budang und Du, immer gute Freunde gewesen, von damals an, als er Euch bei der Eselsgeschichte erwischte, immer gute Freunde und nie getrennt?“ fragte die Enkelin zaghaft nach einer Weile.

„Immer gute Freunde und nie getrennt, heut’ zum ersten Male getrennt,“ wiederholte das Gomelchen. „Als Student war er ein paar Jahr auswärts; einen Katzensprung weit, in Jena; aber da kam er alle Nasen lang. Es hat ihn nie in die Fremde gezogen. Ich reise erst nach meinem Tode, sagte er immer, wenn das Gepäck leichter ist — und ich glaube,“ fügte Frau Gomelchen lächelnd hinzu, „er reist jetzt — denn er hat stets durchgesetzt, was er wollte. Es war ein närrischer Kerl, ein ganz närrischer Kerl.“ Versunken in Erinnerung schaute sie vor sich hin. „Ein guter Jugendfreund, der einem durchs ganze Leben treu war, ist das beste, was es giebt. Da bleibt das Dasein uns immer heimisch; der weiß alles, kannte alles, hat alles mit erlebt; Du kannst Dir gar nicht denken, was für ein Trost es alten Leuten ist, wenn sie einen guten Freund fragen können: Weißt Du denn auch noch, wie damals der und der und die und die aussah — und was sie sagten und was sie thaten, und weißt Du denn auch noch, als die Häuser an der Ackerwand noch nicht standen, und unten der ganze Park Feld und Gestrüpp war, und wie sie in der Esplanade unter den alten Bäumen die Wäsche trockneten, und wo jetzt, auch in der Esplanade, der Goldschmied wohnt, als da noch der uralte Turm stand, in dem der Hufschmied steckte? Und erinnerst Du Dich noch an Mamsell Muskulusen, ihren Veilchenhut und an das großgeblümte Kleid der Kummerfelden und an Adele Schopenhauers Gesicht, wenn der Geist über sie kam, und an den Brunnenkopf, den alten Löwen, der ihr so ähnelte? Gott gebe Dir,“ sagte das Gomelchen, „daß Du einen guten Freund, ein gutes Herz Dein lebelang Dir nahe hast, dann ist das Altwerden so schlimm nicht.“

„Habt Ihr Euch denn nie miteinander verzürnt und habt nie Streit miteinander gehabt?“ fragte die Enkelin.