„Na, mir sollte das recht sein, wenn ordentlich aufgeräumt würde. Das ist’s ja, die Leute jetzt wissen es gar nicht, wie schlecht es um sie steht; denn wer kann vergleichen? Hier sitzen so ein paar Alte, die es noch können. Und sag einmal selbst, was sind denn das für vertrocknete Ehrenmännchen und junge alte Jüngferchen jetzt? Jeder unschuldige Backfisch hat die ernstesten Ideen über seine Versorgung und arbeitet auf seinen Lebensabend hin — weißt Du, Budang, das gefällt mir nicht, das dauert mich.“ Frau Gomelchens Stimme wurde ganz bewegt.

„Laß das, Röse,“ sagte der Medizinalrat. „Du sollst nicht immer gleich oben hinaus und nirgends an sein. Was meinst Du denn, wenn die Kinder alle freigelassen und, wie Du es Dir früher auszumalen liebtest, alle Lehrer gehangen oder verbannt würden, so versichere ich Dich, solche Schwesterpärchen, wie Ihr wart, würden doch nicht zu Dutzenden umherlaufen. Ja, ja,“ sagte er und schaute die Enkelin mit seinen lebendigen Augen an: „Euer Gomelchen ist eine große Rarität — Gott behüt’ sie.“

Oft lang unterhielten sich die beiden von verflossenen Zeiten, lachten über Personen, die einst ihr Wesen in Weimar getrieben, nun aber längst zu Staub zerfallen waren. Was für sonderbare, liebenswerte, närrische und vortreffliche Leute tauchten da aus der Vergessenheit auf und kamen auf ein paar Augenblicke wieder zu einem Schimmer von Leben und Wirkung.

Die Zuhörerin, welche die guten Freunde oft bei ihren Unterhaltungen und Erzählungen hatten, war immer ganz Teilnahme. Es schien ihr dann, als sehne sich das Gomelchen nach der Vergangenheit. Das rührte und ergriff sie so tief, daß sie nicht wußte, was sie der Guten Liebes anthun sollte.

Einmal, nach einem Abend, als sie den Erinnerungen der beiden treuen Kameraden gefolgt war, hatte sie einen wunderlichen, aber hübschen Traum. Sie sah das Gomelchen in einem ihr wohlbekannten Zimmer. Die Thüre, die in den Garten führte, stand mit beiden Flügeln weit offen. Sommerluft, Sonne und ein weicher Reseda- und Levkoyenduft drangen ein. Da mit einem Male kam ein wunderschönes, blondes Mädchen vom Garten in das Zimmer gesprungen, ein Mädchen, ganz von Sommerluft und Sonne durchwärmt, belebt und rosig übergossen. Das war das Ratsmädel, die Röse, das Gomelchen, als es noch jung war! Und das schöne, glückliche Mädchen lief auf die alte Frau zu, schloß sie in die Arme, drückte sie an sich, dem ungestümen Geschöpf glitt der breiträndrige Hut vom Kopfe. Das Gomelchen aber machte sich die Arme frei, hielt das Mädchen von sich ab, nickte lächelnd mit dem Kopf, ganz in Nachdenken versunken, schaute sie von oben bis unten an und rief mit einer ganz unbeschreiblich zaubervollen Stimme, in der alle Wehmut eines lebensfreudigen, sehnsüchtigen Herzens zitterte: „Ach, was waren das doch für herrliche Zeiten!“

An einem Frühlingstage verlor das Gomelchen ihren alten, treuen Freund. Sie empfing die Nachricht mit aller Ruhe. Seit Wochen schon hatte sie seinen Töchtern bei der Pflege mit beigestanden und hatte gewußt, daß es mit ihm zu Ende gehen mußte. Die Töchter erzählten, daß die alte Frau oft stundenlang bis in die Nacht hinein am Bette des sterbenden Freundes gesessen, daß sie lange, lange die Hand des Kranken in der ihrigen gehalten, und daß auf beiden Gesichtern dann eine wunderschöne Ruhe gelegen habe.

Noch bis zum letzten Tage, wenn es irgend anging, haben sie sich wohlgelaunt unterhalten, verständnisvoll und wehmütig, wie es nur zwei so gute, alte Freunde miteinander thun können.

Als er gestorben war, hat sie bis zu seinem Begräbnis sein Haus nicht verlassen, hat seine Töchter getröstet und aufrecht erhalten, hat überall nach dem Rechten gesehen und ist des Tags wieder und wieder in das stille Zimmer getreten, in dem ihr treuer Freund lag, hat sich ihn immer wieder angeschaut, und ihr Herz mag wohl einen ergreifenden Abschied genommen haben.

Nach dem Begräbnis holte eine Enkelin sie aus dem Hause ihres guten Freundes Budang ab.