Der Alte aber blieb mit dem Kopf zwischen der Thüre stecken und deklamierte eine Stelle aus Shakespeare, die mit der augenblicklichen Situation in keinerlei Verbindung stand, den Monolog des Hamlet. Er sprach ihn englisch und das mit solcher Weihe und Hingebung, daß es einem wunderlich zu Mute wurde. Während er noch mitten darin war, trat er ein und ging dabei im Zimmer auf und nieder, der feste, kleine, zierliche Mann, der so sauber und frisch aussah wie aus dem Ei geschält. Er sah und hörte nicht, bis er seinen Monolog zu Ende gebracht hatte.
Darauf blieb er vor dem Gomelchen stehen und sagte: „Das ist groß! Das ist göttlich! — Siehst Du, Röse, weshalb bist Du so träg’ gewesen und hast nichts gelernt. Nun hast Du nichts davon verstanden. Meine Schuld ist es nicht; aber was für ein Leben hättest Du führen können, wär’ etwas mehr in Deinen Kopf hineingegangen. Hier“ — damit wies er auf mich, „die Kinder lernen doch hoffentlich, was Du nicht zu stande hast bringen können?“
Das Gomelchen strich der Enkelin zärtlich über den Kopf, sah ihren strengen Freund befangen lächelnd an und sagte: „Soviel ich weiß, sollen sie es auch nicht besonders weit gebracht haben. Die hier hat ihre Schularbeiten meistens bei mir gemacht und hat erschrecklich dabei gestöhnt.“
„Bei Dir?“ fragte der Medizinalrat frappiert, setzte sich nieder, stemmte beide kleinen Hände auf die Kniee: „Da mögt Ihr etwas Schönes miteinander zu stande gebracht haben! … Röse, die Kinder hier im Haus hast Du trotz der Erzieherin auf dem Gewissen,“ sagte er. „Ich habe es mir immer gedacht, daß es bei den Enkeln wieder durchbrechen müßte. Ich würde Dich geheiratet haben, aber ich hatte Respekt vor Euch!“
„Geh, schwätz nicht!“ sagte das Gomelchen lächelnd, „wir hätten Dich gar nicht genommen.“
„Übrigens,“ fuhr der Medizinalrat fort, „ich komme eigentlich heute, um Dir etwas zu sagen: Gestern bist Du vor mir hergegangen und hast Dich erschrecklich krumm gehalten, hast einen ordentlichen Buckel gemacht. Thu das nicht. Ich denke noch, wer ist denn die Alte da? Wo bist Du denn gewesen? Was hast Du denn gedacht? So nachlässige Haltung macht frühzeitig alt; ich habe es von jeher nicht leiden können, wenn Du Dich schlecht hieltest. Kummer braucht unsereins nicht mehr niederzudrücken, Gott Lob,“ sagte er heiter. „Wir wissen aus Erfahrung, daß auf die ganze Geschichte hier kein Verlaß ist; es kommt und geht und kommt und geht ohne Ende, und damit basta! Wer das oft mit angesehen, wie wir, den läßt es ruhig.“
„Bleib mir vom Hals, Du alter Philosoph, das ist ja Dein Ernst nicht — Du machst doch sonst keine Redensarten. So lang’ man ein Herz im Leibe hat, so lang’ bleibt alles neu, als geschähe es zum ersten Male, das ist meine Meinung,“ sagte das Gomelchen freundlich und behaglich. „Mir war es damals zu unserer jungen Zeit wohl und ich finde mich auch in der neuen Zeit zurecht. Eins ist schade jetzt für die Jungen; die Leute, dächt ich, machten mehr Wesens aus allen Dingen als früher, das junge Volk thut mir leid; oder kommt mir’s nur so vor, daß sie es so nicht mehr haben, wie wir es hatten? Herr, mein Gott, wenn ich an unsere lustigen Tage denke, wie wir Dich in Mädchenkleider gesteckt haben, wie wir miteinander Schlitten gefahren sind; wie kein Tag verging, an dem wir nicht etwas ausheckten — und sag doch selbst, ist da irgend etwas geschehen, an das wir nicht mit aller Ruhe und Freude zurückdenken könnten? — Doch gewiß nicht! Und wenn ich mir vorstelle, einen einzigen unserer Streiche, die wir miteinander verübten, ließe sich hier ein Mädel aus der höheren Töchterschule zu Schulden kommen, ich glaube, die alten Jungfern, die ihnen die Weisheit einfüllen und ihre Wege überwachen, schickten auf den Stadtkirchturm, um Sturm läuten zu lassen; der Direktor beriefe ein Ehrengericht, und das Mädel würde gebrandmarkt fürs Leben; warum? Weil sie rittlings auf der Käsehütsche den Bibliotheksberg heruntergerutscht ist. Siehst Du, Budang, ich habe ein warmes Herz für alle Welt; aber es giebt keine irdische Strafe, die ich einem Lehrer nicht gönnte. Und sie sind schlimmer geworden seit unserer Zeit. Wohin es noch kommen wird, ich weiß es nicht! Die Kinder heute werden vor lauter Weisheit und Furcht dumm und blöde.“
„Da hast Du recht, Röse,“ sagte der Medizinalrat. „Seitdem die Welt steht, hat sich eine tüchtige Portion von Bosheit und Dummheit abgelagert. Es giebt schreckliche Dinge in der Geschichte, Christenverfolgungen, Judenverfolgungen, Hexenprozesse, Autodafés; aber schlimmer war das nicht, als was die Leute heutzutage mit Erziehung und Bildung bei Mann und Weib anrichten.“
„Du bist ein lieber, guter Mensch!“ rief das Gomelchen ganz bewegt und klopfte dem alten Freund auf die Schulter. „Siehst Du, das ist mir aus der Seele gesprochen. Herr Gott, kommt denn nicht einmal ein vernünftiger Mensch, der dem Unwesen ein Ende macht!“
„Nun,“ sagte der Medizinalrat, „vielleicht einmal aus Deiner Verwandtschaft und Nachkommenschaft, wer kann’s wissen.“