Sie hat es nicht einmal zu dem gebracht, was man „Würde“ nennen möchte, die zusammengesetzt ist aus etwas vornehmer Steifheit, Unnahbarkeit, aus dem Unvermögen, sich lebendig zu rühren, aus dem Bewußtsein der eigenen Vortrefflichkeit, der reich gesammelten Erfahrung; nicht einmal zu der Würde hat sie es gebracht, die wie eine weich gepolsterte, schwerfällige Kutsche für die alten Leute bereit steht, in der sie sich bequem niederlassen und umherfahren können, und auf der zuvorderst ein kleiner Postillon sitzt und in sein Hörnchen bläst: „Vor dem grauen Haupte sollst Du aufstehen und das Alter ehren.“ Nicht einmal dazu hat sie es gebracht. Wenn im Haus etwas fehlt, ist sie die erste, die bereit ist, es zu schaffen.
„Laßt das nur, laßt das nur, das besorge ich; ich springe hinüber und bringe es in Ordnung!“ Dabei schaut sie nicht nach Wind und Wetter aus, langt nach ihrem Schlüsselbund, der unzertrennlich von ihr ist und mit dem sie wie mit einem Glockenspiel zu klingen versteht, — ehe man ihr Kommen merkt, hört man ihr Glöckchen schon — hat sie den Schlüsselbund, so schlägt sie ein Tuch um die Schulter, nicht etwa einen schönen Pelzsammetmantel, wie es eigentlich einer Frau Geheimrätin ziemte, den läßt sie hängen, wo er hängt — und macht so im Mützchen und Umschlagetuch ihre Verhandlung bei irgend einem Herrn Nachbar.
Sie ist eben immer noch das Ratsmädel; so wenig es der jungen, lustigen Röse in den Kopf gekommen wäre, eine Sammetmantille umzuhängen, um zu Madame Ortelli, die Bürgermeisters schräg gegenüber wohnte, zu laufen, so wenig fällt dies auch dem Gomelchen ein. Bis in die Fingerspitzen pulsierte Leben in ihr; wie sie ein Kommodenfach zuschiebt, wie sie näht und häkelt, wie sie die Hand giebt und einem über Wangen und Stirn streicht und wie sie die Treppen hinabläuft, das ist alles so lebendig, so leicht, so beweglich. Niemand auf Erden, glaube ich, versteht es, so zu bewillkommnen, wie sie.
Wenn wir Kinder verreist waren und zurückkamen, und der Wagen unten vor der Thür hielt, da schaute von oben aus dem zweiten Stock ihr Kopf heraus, mit einem Spitzenhäubchen umgeben und bräunlich blonden, aufgesteckten Locken an den Seiten. Im Nu war der Kopf verschwunden, und ehe wir aus dem Wagen gestiegen und zur Hausthür eingetreten waren, da stand das Gomelchen schon auf dem untersten Treppenabsatz mit ausgebreiteten Armen, als wenn sie zwei Flügel hätte und damit flatterte — so blieb sie stehen, und solche liebevoll glückselige Küsse und zärtliches Streicheln haben wenige Menschen im Leben gespürt, wie die, die dann auf dem Treppenabsatz bewillkommt wurden.
Wenn ich daran denke, daß ich wieder so von ihr empfangen werden könnte, so wird es mir, als freute ich mich auf einen ganz bestimmten, wunderschönen Frühlingstag. Soviel ich weiß, habe ich sie nie mißlaunig, nie unbereit zu helfen gesehen und immer fleißig und beschäftigt. Ich weiß auch nicht, daß sie je müde und angegriffen sich gezeigt hätte. Krank war sie manches Mal, schwer krank; aber kaum, daß die Krankheit gehoben, so kam sie auch wieder zu voller Lebensfreudigkeit und Anspruchslosigkeit.
Das Gomelchen ist die Jüngste im Haus, so heißt es immer. Sie ist es, die alle Augenblicke etwas vor hat. Bald geht sie ins Theater und thut es beinahe so begeistert und eifrig wie zu ihrer Ratsmädelzeit. Einschleichen freilich, das geht nicht mehr; dafür ist sie jetzt abonniert, vergißt aber regelmäßig, ihr Billet mitzunehmen, jedenfalls in Erinnerung an jene Zeiten, wo sie die Herrlichkeiten auch ohne Billet zu genießen verstand. — Ist es das Theater nicht, so geht sie zu guten Freunden oder sieht gute Freunde bei sich, oder fährt ein wenig über Land, um ihren Kaffee auswärts zu trinken. Gar oft spaziert sie so ganz allein und bringt dann immer etwas mit heim, einen Büschel schönes Gras, einen Strauß Feldblumen oder einen herbstlich bunten Zweig. Wie manchmal hat sie einer Enkelin solch einen selbstgepflückten Blumenschmuck in das Zimmer gestellt!
Wenn man hört, ein altes Mütterchen macht einen Gang in die Felder hinaus, spürt dort allerlei schönen Dingen nach und kommt mit Mohn und Kornblumen ganz beladen nach Hause, so scheint das absonderlich und erstaunlich zu sein. Bei dem Gomelchen aber ist dies ganz natürlich, es fällt niemandem auf, es wundert sich niemand darüber. Wenn sie einen mit ihren frischen, freundlichen Augen anschaut, vergißt man, daß sie eine alte Frau ist, daß sie alles Leiden, das auf der Menschheit liegt, wie andere alte Leute auch, durchkostet hat, daß sie alle teuren Zeitgenossen verloren und jetzt vereinsamt mit ihren Erinnerungen dasteht.
Und das Geheimnis, weshalb sie nicht gealtert ist wie die meisten Sterblichen, mag wohl sein, daß sie von jeher weit über ihr eigenes Interesse hinaus Herz für Menschen und Dinge hatte.
Der Freund, der am treuesten mit ihr im Leben ausgehalten, der sie erst vor kurzer Zeit verlassen hat, war ihr guter, alter Budang, ihr allererster Freund. Er, dem die Jungfer Concordia die beiden wilden Kreaturen anempfohlen, hat seine Ratsmädel nie aus den Augen verloren.
Uns Kindern war es immer ein wahres Fest, wenn der alte Herr Medizinalrat, den sie früher auf Weimars Gassen „Budang“ nannten, zu der Gomel heraufkam. „Das weiß der liebe Gott,“ sagte das Gomelchen, als ich, wie oft, bei ihr saß, und die Thür sich sachte aufthat, und ein weißlockiger Kopf hereinschaute, ein prächtiger Kopf mit lebendigen Augen, die Locken wie aus Silber und wie Wölkchen aufgeplustert; „das weiß der liebe Gott, gerade so, wie er mit seinem blonden Ruschelkopf in der Wünschengasse bei uns hereinschaute, ob die Luft auch rein und der Vater fort sei, so schaut der Alte auch jetzt durch den Thürspalt. Da red’ mir einer davon, daß die Menschen sich ändern!“