Ich will von ihr erzählen, darum, weil ich von den lustigen Jugendstreichen, den sonnigen Kindertagen berichtete, und weil es nichts Schöneres, Erfreulicheres, Hoffnungssichereres giebt, als zu sehen, wie das Schicksal es freundlich zuläßt, daß einer glückseligen Jugend ein kräftiges, gutes Dasein und ein lebensfreudiges Alter folgen kann.

Es wäre doch wirklich schade, wenn einer oder der andere annehmen könnte, daß aus meinen beiden prächtigen Ratsmädeln ein paar verkümmerte oder geschwätzige oder sonst unliebenswürdige, alte Weiber geworden wären — oder wenn es schöner klingt: „alte Damen“. Denn wie selten stehen Jugend und Alter im Einklang. Wie oft könnte man sich entsetzen, würde man das Zukunftsbild eines hübschen Mädchens voraussehen!

Um gut und würdig und schön zu altern, muß man schon etwas an sich haben, was man genial nennt. Ich weiß, was ich damit sagen will. Man muß ein großes Teil Liebe und Güte besitzen, ein so großes Teil, daß, wenn es vermessen werden könnte, vernünftige Leute meinen müßten, es wäre ein sträflicher Aufwand vom lieben Herrgott, einen unbekannten, unberühmten Menschen, der auf der Gotteswelt nichts Besonderes gethan hat, so üppig auszurüsten, und gar ein Weib — das wäre genug, um einen Fürsten auszustaffieren, der etwas Ordentliches, Nützliches damit hätte stiften können, Hospitäler, Besserungshäuser, Waisenhäuser, Vereine aller Art, Witwenkassen, Pensionen, Zuchthäuser, Nachtherbergen, Kaffee- und Theestuben und Armenküchen.

Um ein Menschenherz ganz mit Liebe zu beleben, daß es sein Lebtag alle Schicksalsschläge, alles, was das Dasein mit sich bringt, ohne Bitterkeit, Ungeduld und Härte über sich ergehen läßt, braucht es so viel an Liebe und Güte, daß Tausende sonst vortrefflicher Leute, die sich mit einem gebräuchlichen Anteil von Liebe begnügen, daran genug hätten.

Ein ganz guter, ganz liebevoller Mensch ist so selten wie ein großer Dichter oder Künstler, so selten wie ein großer Philosoph. Die Natur hat sich, wenn man die Legionen der Geschöpfe überschaut, die erwähnte Verschwendung nicht allzuoft zu Schulden kommen lassen, sonst würde die Welt ein anderes Ansehen haben. Ihr meint dennoch, daß es nicht in der Ordnung sei, wenn mit einer so großen Begabung an Liebe und Wohlwollen, die das so ausgezeichnete Geschöpf in die Reihe der Genies stellt, nicht weiter erreicht wird, als würdig, gut und freundlich zu altern. Das ist scheinbar sehr wenig und ist doch viel; traurig ist, daß die große Masse der Menschheit mit verkrüppelten, verhärteten Herzen Abschied von der Erde nimmt. Die Freundlichen, die Heiteren, die Gutes und Böses weichherzig ohne Sträuben aufnehmen, das sind die wahren Helden, nicht die, die dem Leben eckig und sparrig gegenüberstehen.

Nun kurz und gut. — Als unser Ratsmädel, die Röse, eine alte Frau geworden war, da wohnte sie und wohnt noch im Hause ihrer Tochter und hat da den oberen Stock inne. Ein Stübchen besonders, das ist so hell und freundlich, wie es wenige giebt. Durch ein großes Fenster scheint die Morgensonne herein und durch zwei Fenster die Mittagssonne. Blumen gedeihen da oben und Blatt- und Schlingpflanzen wie in einem Gewächshaus, und jahraus jahrein funkelt es hell auf glänzenden Blüten und Knospen. In diesem warmen, sonnigen Nest sitzt unser Ratsmädel, das Gomelchen, seit das Alter über sie gekommen ist, und wenn man sie sitzen sieht, ist nichts als Heiterkeit und Behagen zu spüren. Und was eigentlich heißt alt sein, sehr alt sein? Es heißt in tausend und millionen Fällen wohl nur: müde und mürbe gerüttelt sein vom Leben, abgestumpft von den tausendfachen Schmerzen, gewöhnt an die Eingriffe des Todes, gewöhnt an alles und jedes. Die Schauspiele, die hier auf Erden dargestellt werden, sind für die Alten gar zu oft gegeben worden; die jammervollsten rühren nicht mehr, die heiteren erfreuen nicht mehr, die komischen machen nicht mehr lachen. Und die Alten denken wohl alle wie jener, der kurz vor seinem Tode sagte: „Es wäre nun Zeit, daß die Welt unterginge!“

Sehr alt sein heißt, ganz vereinsamt sein, ganz in der Fremde leben. Alle guten Freunde, die von uns wußten, wie schön, wie jung, wie lebensvoll wir waren, die von uns wußten, wie wir litten und was uns Gutes geschah, sind abgefallen, ins Grab gesunken. Es ist niemand mehr da, der uns wirklich kennt; was haben die jungen, leichtsinnigen Geschlechter mit uns zu thun? — Sie meinen, die vor ihnen waren, die gälten nichts, die bedeuteten soviel wie Schatten und Träume. Ach, sie sehen ja nichts, was war, was gewesen! — Das sieht der Alte ganz allein — ganz allein, wie einer einen Geist erblickt, den die übrigen nicht gewahr werden.

Der Alte ist vereinsamt und bleibt vereinsamt; in seinem Herzen sitzt Sehnsucht und Wehmut. Was lohnt es sich, zu reden, denkt er; es versteht Dich doch keiner, es ist jeder mit sich und seiner Zeit vollauf beschäftigt. Nur im Traume sieht der Alte seine Zeitgenossen, — lauter Verstorbene. Es ist ein schwerer Stand, das hohe Alter.

Körperliches Leiden und körperlicher Verfall, Stumpfsinn und Bitterkeit bedrücken die Lebenskräfte; Verschlossenheit und Übellaunigkeit bringt es ein, und die Kluft, die den Alten von den neuen Geschlechtern trennt, wird immer weiter und weiter.

Von alledem aber, was hier steht und was ganz natürlich und unvermeidlich zu sein scheint, wie das Alter selbst und der Tod, ist bei dem Gomelchen, wie ich schon sagte, nichts zu finden.