Es sind viele, viele Jahre vergangen; unsere Ratsmädel sind alte Mütterchen. Ihre lustigen Spießgesellen sind alle dahin!

Beide Schwestern sind miteinander alt geworden, beide sind glücklich verheiratet gewesen, beide hatten Kinder und Enkel; Marie aber ist nun auch schon heimgegangen, nur Röse erlebt es, daß ihr die Urenkel in die sonnige Stube kommen und sich bei ihr erlustigen.

Ich habe schon, da Röse und Marie noch als lebensfrohe Dinger in Weimar ihr Wesen trieben, in diese Zeiten vorausgeschaut an dem Abend, als der junge Arthur Schopenhauer mitten in ihre Jugendpracht hinein sagte: „Hört einmal, Ihr Haareulen, denkt an das alte Weib; glaubt nicht, daß es so fortgeht; werdet gütig und mitleidig; schwätzt nicht; seid fleißig und sparsam, damit es später nicht allzu übel um Euch stehe.“

Ich habe auch erzählt, daß Röse vollkommen damit einverstanden war und das Benehmen des jungen, düsteren, närrischen Philosophen nicht gerade abgeschmackt fand. „Abgeschmackt“ war ein Lieblingsausdruck der Ratsmädel, mit dem sie sonst recht freigebig waren. Ist nun Schopenhauer, der viel Geschmähte, viel Verehrte und Mißverstandene, daran schuld, daß zwei so freundliche, kluge Altchen auf Erden lebten, so soll er gelobt sein — hat dies die Natur ohne sein Zureden auch zu stande gebracht, so soll sie ebenso gelobt sein; denn sie that etwas, wofür man ihr Dank schuldig ist. Sie hat gezeigt, daß dem Alter der Stachel genommen werden kann. Sie hat gezeigt, daß es so übel mit dem Altwerden nicht ist; daß das Alter anmutig sein kann; daß es Freunde, Heiterkeit und Lebensfreude einbringt, wie man es sonst nur der lieben, grünen Jugend zutraut. Der Name „Gomelchen“ ist der alten Frau, die früher das Ratsmädel war, wie eine weiche Federflocke angeflogen und an ihr haften geblieben. Aus Großmama wurde Gomama, aus Gomama Gomo — Gomelchen. Von den Lippen ihres ältesten Enkelkindes hat sie ihn zuerst gehört, und es war beinahe das erste Wörtchen, das dies Enkelkind sprechen konnte, war Name und Schmeichelname zugleich. Und so ist er geblieben, dieser Name — ein Leben lang immer in Liebe, immer in Zärtlichkeit ausgesprochen.

Ich bleibe bei dem Namen und meine, es sei genug, zu sagen und immer wieder zu sagen, daß sie Gomelchen heißt — und vergesse ganz, daß dieser Name für andere gar keinen Klang hat und das nicht sagt, was er mir sagt.

Mir selbst ist es, wenn ich ihn mir vorspreche, als glitte eine weiche Welle über mein Herz hin, als würde es behaglicher, wärmer im Zimmer; einen zarten Duft von Thee und schöner Sahne und Reseda und Hyacinthen meine ich zu spüren, einen Duft, der die Seele mit Wehmut und Erinnerung erfüllt. Es legt sich mir eine leichte, wohlthuende Hand auf die Stirn, ihre Hand. Die Fremde ist mir nicht mehr so fremd; Thränen treten mir in die Augen, und mein ganzes Herz will sich in Sehnsucht auflösen.

Wie lange ist es nun schon her, daß ich sie nicht sah, daß ich nicht mit ihr plauderte, wie lange! Und Gott mag es wissen, wann das Leben mich wieder zu ihr führt. Aber ich will von ihr erzählen, nicht von ihr träumen.