„O mein Gott, mein Vater!“ rief es in unverkennbarem Schmerz.
Nun waren alle Bedenken des Ritters geschwunden. Die Stimme hatte etwas unbeschreiblich Rührendes für ihn. Er preßte seinem Rosse den Sporn in die Seite und sprengte über die Trümmerhaufen in den Weg. In kurzer Entfernung sah er den Zug nahen. Sechs französische Reiter ohne Speer, aber sonst wohlbewaffnet, sprengten mit verhängten Zügeln heran. Einer von ihnen hatte eine Dame vor sich, die er fest umschlang. Sie wehrte sich verzweifelt, die Luft hallte von ihren Hilferufen wider. Der schwarze Ritter blieb mitten auf dem Wege stehen und legte seinen Speer an, um die Räuber zu erwarten. Erstaunt über das unvorhergesehene Hindernis, zügelten die Ritter ihre Pferde und betrachteten den schwarzen Krieger nicht ohne geheimes Bangen. Derjenige, der unter ihnen zu gebieten schien, ritt voraus und rief:
„Aus dem Weg, Herr Ritter! Aus dem Weg, oder wir reiten Euch nieder!“
„Ich fordere euch, ihr falschen und ehrlosen Ritter, auf, diese Dame freizugeben. Wenn ihr's nicht tut, so erkläre ich mich für ihren Streiter.“
„Vorwärts! Vorwärts!“ rief der Anführer seinen Leuten zu.
Der schwarze Ritter ließ ihnen keine Zeit, heranzukommen. Er beugte sich auf den Nacken seines Pferdes und stürmte plötzlich mitten zwischen die erstaunten Franzosen. Mit dem ersten Stoße seiner Lanze durchbohrte er die Sturmhaube und den Kopf eines Feindes und warf ihn tödlich verwundet aus dem Sattel. Aber während es ihm geglückt war, einen seiner Feinde zu besiegen, hatten die übrigen die Schwerter gegen ihn gezückt, hatte der Anführer Saint-Pol bereits mit einem fürchterlichen Hiebe die Schulterplatte an der Rüstung des schwarzen Ritters zerschmettert. Beim Angriff so vieler Feinde ließ der seinen Speer fallen und zog sein Riesenschwert aus der Scheide; er umfaßte den Griff mit beiden Händen und schlug so wild um sich, daß ihm kein Franzose zu nahen wagte; denn jeder Hieb seiner Waffe fiel wie ein schmetternder Hammerschlag auf die Rüstung der Gegner. Der Reiter, der die Jungfrau hielt, wehrte sich mit einem langen Degen und umfaßte mit dem anderen Arm das unglückliche Mädchen. In dieser gewaltigen Erregung, von Schrecken und Hoffnung durchtobt, fehlte es der geraubten Jungfrau an Kraft, zu sprechen oder zu klagen. Unbeweglich starrten ihre Augen im Kopf, und die zarten Wangen waren krampfhaft verzerrt. Zuweilen streckte sie ihre Arme flehend nach dem Unbekannten aus, der sie erretten wollte, doch bald hingen sie wieder schlaff und kraftlos über dem Rücken des Pferdes.
Die furchtbaren Schwerthiebe wider die Helme und Schilde hallten dröhnend rings im Walde wider, und das Blut quoll unter den Harnischen hervor; doch in der Hitze des Gefechts achteten die Streiter nicht darauf und kämpften wütend weiter. Schon waren die Rüstungen an vielen Stellen zerschlagen und zerbrochen, und Saint-Pols Pferd hatte eine klaffende Wunde im Nacken; deshalb ließ es sich nicht mehr willig von seinem Herrn lenken, und der hatte die größte Mühe, den Schlägen des schwarzen Ritters auszuweichen. Als er sah, daß das Gefecht für die Franzosen eine ungünstige Wendung nahm, gab er dem Söldner, der die Dame hielt, ein Zeichen. Der Reiter verstand diesen Wink und versuchte, dem Befehl zu gehorchen und vom Schlachtfeld zu fliehen; aber der schwarze Ritter merkte seine Absicht, drückte seinem Rosse den Sporn in die Seite und sprengte plötzlich vor den Söldner. Geschickt wich er den Schlägen der übrigen Feinde aus, und er rief:
„Setzt die Dame zur Erde, wenn Euch Euer Leben lieb ist!“
Ohne auf diesen Zuruf zu achten, wandte der Söldner sein Roß auf die Seite und suchte vorbeizukommen; aber das Schwert des schwarzen Ritters sauste mit doppelter Kraft auf seinen Helm nieder und spaltete ihm das Haupt bis auf die Schulter. Sein Blut strömte zurück auf den Kopf und das weiße Kleid des Mägdeleins; ihre schönen blonden Locken wurden davon völlig genäßt und dunkelrot gefärbt. Gleich darauf gaben sie die Arme des Erschlagenen frei, und beide stürzten zur Erde.