Nun waren schon sechs Jahre seit der Zerstörung Nieuwenhoves verflossen. Die Gewächse, die der Wind zwischen das umherliegende Gestein gesät hatte, waren mit der Zeit immer zahlreicher geworden. Üppiges Gras sproßte überall auf, und wie Lieblingskinder der wilden Natur wiegten Feldblumen ihre silbernen Kelche auf den Rändern der Trümmer. Das braune Gemäuer des Gebäudes wurde von mächtigen Efeuranken erklettert, die in den ausgebrannten Spalten wurzelten. Andere Gewächse, wie wilde Weinreben und Geißblatt, rankten sich von einer Mauer zur anderen und breiteten so über die tiefen Risse ein Gewebe von herrlichem Grün.

Es war vier Uhr morgens; schwachgelbe Dämmerung erhellte den Osten, und ein Kranz goldener Lichtstrahlen erglänzte als Vorbote der Sonne am Horizont. Die Ruinen von Nieuwenhove freilich waren noch in graue Schatten gehüllt; in ungewissem Farbenkleid schlummerte die Natur, während der erwachende Tag sich bereits am blauen Himmel spiegelte. Hier und da glitt noch eine träge Nachteule aufgeschreckt nach ihrer Höhle und krächzte verdrießlich über den Glanz, der sie vertrieb.

Da saß ein Mann auf einem der Schutthaufen inmitten der Trümmer. Ein Helm ohne Federbusch war mit Sturmriemen auf seinem Haupte befestigt. Ein Harnisch umschloß die kräftige Brust, und Stahlplatten bedeckten die übrigen Glieder. Er stützte sich mit seinem eisernen Handschuh auf einen Schild, darauf man vergebens ein Wappenzeichen suchte; nichts war darauf als ein brauner Querstreifen. All seine Waffen, selbst der lange Speer neben ihm, waren schwarz. Wahrscheinlich hatte sich dieser Ritter in tiefer Trauer also gewappnet. Nicht weit von ihm stand ein Pferd, das noch schwärzer war als der Ritter; da es auch ganz mit Eisen bedeckt war, konnte es nur mit Mühe den Kopf zur Erde neigen, um die feuchten Spitzen der Kräuter abzurupfen. Das Schlachtschwert am Sattel war ungewöhnlich groß und schien für eine Riesenhand bestimmt zu sein.

Während Totenstille über den Trümmern lastete, seufzte der Ritter oft und tief und bewegte die Hände, als ob er mit jemandem spräche. Von Zeit zu Zeit wandte er sein Haupt mißtrauisch nach dem Gebüsch und den Wegen, die das Schloß umgaben, und als er sicher war, allein zu sein, schlug er das Visier seines Helmes zurück. Nun konnte man sein Gesicht erblicken.

Es war ein Mann von höherem Alter mit gefurchten Wangen und grauem Bart. Wohl hatte langer Kummer seine Züge gezeichnet, aber es lohte noch genugsam Feuer in seiner Brust, um seinen Augen ungewöhnliche Lebhaftigkeit zu verleihen.

Nachdem er einige Augenblicke auf die Ruinen von Nieuwenhove gestarrt hatte, glitt ein bitteres Lächeln über seine Wangen. Er senkte das Haupt, als ob er etwas auf dem Boden suche – Tränen glänzten auf seinen Wimpern und rollten perlend zur Erde. – Dann sprach er:

„O Helden, meine Brüder! In diesen Mauern ist euer edles Blut geflossen, mir zu Füßen ruhen eure Leichen im endlosen Todesschlaf; und die einsamen Blumen umranken wie Märtyrerkronen eure Gebeine. Glücklich ihr, die ihr das schmerzenreiche Leben dem Vaterland habt opfern können, denn ihr habt die Knechtschaft Flanderns nicht gesehen. Frei und herrlich seid ihr gestorben, eure Seelen tragen nicht die Schande, wie sie die Fremdlinge auf das Haupt der Vlaemen gehäuft haben! Das Blut dessen, dem ihr den stolzen Namen ‚der Löwe‘ gegeben habt, strömte mit dem eurigen auf diesen Boden. Sein Schwert war ein versengender Blitz, sein Schild eine Mauer – und nun, o Schmach! nun sitzt er seufzend wie ein Verworfener auf euren stillen Gräbern; ohnmächtige Tränen fließen wie aus den Augen einer schwachen Frau über seine Wangen!“

Plötzlich stand der Ritter auf, ließ hastig das Visier seines Helmes herab, wandte den Blick nach dem Wege und schien aufmerksam auf etwas zu lauschen. Ein Geräusch wie Pferdegestampf klang von ferne herüber. Als er sicher war, sich nicht zu täuschen, nahm er seinen Speer vom Boden auf, lief rasch zu seinem Pferde, legte ihm das Gebiß an, sprang in den Sattel und ritt hinter eine bergende Mauer. Aber er war noch nicht lange in diesem Versteck, als noch andere Töne zu ihm herüberschallten. In das Geklirr der Waffen und das Schnauben der Rosse klang das Wehklagen einer weiblichen Stimme. Als der Ritter diesen Notschrei hörte, erblaßte er unter seinem Helm. Nicht Furcht trieb die Farbe von seinen Wangen – Furcht war ihm unbekannt; aber Ehre und Ritterpflicht geboten ihm, der Klagenden zu Hilfe zu eilen; schon erglühte sein kühnes Herz in dem Wunsche, die Unglückliche zu retten, während wichtigere Gründe und ein feierliches Gelübde ihm verboten, sich von irgend jemand erkennen zu lassen. Er bebte bei dem inneren Kampfe mit sich selbst. Bald kam der Zug näher, und die Klagerufe des Mägdeleins wurden ihm nun verständlicher.