Ein Mann von kleinem Wuchs trug das bejubelte Sinnbild und preßte es mit den über der Brust verschränkten Armen an sein Herz, als wollte er es mit der innigsten Liebe umfangen. Tränen liefen in Strömen über seine Wangen, Tränen der Liebe zum Vaterland und des Glückes; denn eine unaussprechliche Seligkeit verklärte seine Züge. Er, der selbst bei dem größten Unglück nie geweint hatte, vergoß jetzt Tränen, da er den Löwen seiner Vaterstadt wieder auf dem Altar der Freiheit aufstellte.
Die Augen der unabsehbaren Menge waren beständig auf ihn gerichtet, und der Ruf: „Heil De Coninck! Heil dem Löwen!“ erscholl immer kraftvoller. Als der Obmann der Weber mit der Standarte dem Freitagsmarkt nahte, wurden auch schon die Fleischer von toller Freude ergriffen. Auch sie stimmten in den jauchzenden Siegesruf ein und drückten einander mit feuriger Liebe die Hände. Wahrlich, Vaterlandsliebe erweckt im Menschen edle Gefühle. Wie von Sinnen stürzte Breydel vorwärts, erreichte die Standarte und streckte mit sichtlicher Ungeduld beide Hände nach dem Löwen aus. De Coninck reichte ihm das Banner und sprach:
„Hier, mein Freund, nun haben wir es zurückerobert, das Sinnbild der Freiheit unserer Väter.“
Breydel antwortete nichts, sein Herz war zu voll. Zitternd vor Rührung umschlang er die Standarte und umarmte so den blauen Löwen. Er barg sein Haupt in den Falten der Seide und weinte regungslos einige Augenblicke. Dann ließ er die Fahne los und warf sich in höchster Erregung an De Conincks Brust.
Während die beiden Vorsteher einander feurig in die Arme schlossen, rief das Volk unaufhörlich weiter, und fort und fort erscholl das laute Jauchzen der Tausende. Der Freitagsmarkt war nicht groß genug für alle Bürger, obgleich sie sich bis zum Ersticken drängten. Die Steinstraße war noch bis an die St. Salvatorskirche voller Menschen, ebenso wimmelte die Schmiede- und Boveriestraße bis weit hinauf von Kindern und Frauen.
Der Obmann der Weber wandte sich zur Mitte des Marktes und nahte sich dem dort ragenden Galgen. Die Leichen der gehenkten Vlaemen waren abgenommen und bereits begraben worden; aber die acht Schlingen hatte man absichtlich als ein Erinnerungszeichen an die Zwingherrschaft noch daran gelassen. Die Standarte mit dem Brügger Löwen wurde neben dem Galgen aufgepflanzt und alsdann mit neuem Freudengeschrei begrüßt. Nachdem De Coninck noch einmal seine Augen zu dem wiedererrungenen Wappen erhoben hatte, sank er in die Knie, senkte das Haupt und betete mit gefalteten Händen. – Läßt man einen Stein in ruhiges Wasser fallen, so breitet sich die Bewegung in zitternden Kreisen mählich über die ganze Wasserfläche. Solcherart ging auch De Conincks Gedanke auf die Bürger über, obgleich die meisten ihn nicht sahen. Erst knieten die schweigend nieder, welche ihm zunächst standen; sie teilten die Bewegung den anderen mit, und so senkten sich der Reihe nach alle Häupter. Die Stimmen verstummten erst in der Mitte des Kreises und wurden dann immer leiser, bis zuletzt die größte Stille unter der Menge eingetreten war. Achttausend Menschen knieten auf dem noch blutigen Boden; achttausend Häupter beugten sich vor Gott, der die Menschen für die Freiheit erschaffen hat; sie hofften, daß der Herr huldvoll auf sie herabblickte, die Chöre der seligen Geister einstimmten in ihre innigen Dankgebete. Nach kurzer Zeit erhob sich De Coninck wieder vom Boden, und da noch immer die frühere Stille herrschte, sprach er mit lauter Stimme, so daß viele ihn verstehen konnten:
„Brüder, heute hat die Sonne ein helleres Licht für uns; denn die Luft in unserer Stadt ist wieder rein; der Atem der Fremden vergiftet sie nicht mehr. Die stolzen Franzosen glaubten, wir würden ihre Sklaven sein und bleiben; aber jetzt haben sie die Lehre, daß unser Löwe wohl schlafen, aber nicht sterben kann, mit dem Verlust ihres Lebens bezahlt. Wir haben das Erbe unserer Väter wiedererrungen, die Fußstapfen der Fremden mit Blut verwischt. Aber noch sind nicht all unsere Feinde tot; Frankreich wird uns noch mehr bewaffnete Söldner senden, denn Blut verlangt Blut. Doch das hat nichts zu sagen, jetzt sind wir unüberwindlich. Trotzdem dürft ihr nach dem errungenen Siege nicht rasten! Erhaltet eure Herzen stark und kühl, laßt das edle Feuer, das jetzo in eurer Brust glüht, nicht erlöschen. Nun gehe ein jeglicher heim und freue sich mit seinem Hausgesinde über die glückliche Befreiung. Jauchzet! Trinket den Wein der Freude, denn dies ist der schönste Tag eures Lebens. Die Bürger, die keinen Wein haben, mögen nach der Halle gehen, dort soll jedem ein Maß verabfolgt werden.“
Das Geschrei, welches mählich wieder anwuchs, hinderte De Coninck, in seiner Rede fortzufahren; er winkte den umstehenden Anführern und ging mit ihnen an die Ecke der Steinstraße. Die Scharen öffneten sich ehrfurchtsvoll vor ihm, und überall begrüßte ihn der frohe Zuruf der Bürger. Alles drängte jetzt zu der Standarte, die neben dem Galgen aufgepflanzt war. Alle betrachteten in höchster Freude den blauen Löwen, blickten auf ihr Stadtwappen wie auf das Angesicht eines Freundes, der nach langen Reisen aus fremden Landen unter seine Brüder zurückgekehrt ist. Sie reckten die Hände so fröhlich empor, daß sie ein kühler, gleichgültiger Beobachter für sinnlos gehalten hätte.
Bald kamen auch Gesellen, die sich bereits Wein geholt hatten, mit ihren Kannen auf den Markt und verbreiteten die frohe Nachricht, daß in der Halle ein Maß für jeden verschenkt würde. Eine Stunde später hatte jeder seinen Trinkbecher in der Hand, und so endete dieser frohe Tag ohne Unordnung und Streit; nur ein Gefühl herrschte: ein Gefühl, wie es die Seele des Gefangenen packt, wenn er die Sonne wieder über seinem Haupte strahlen sieht und sich bewußt wird, daß fortan nur noch die weite Welt sein Kerker ist.