[XVIII.]

Nun waren zwei Jahre vergangen, seit der Fremdling den Fuß auf den vaterländischen Boden gesetzt und gerufen hatte: „Beugt euer Haupt, ihr Vlaemen! Ihr Abkömmlinge des Nordens, gehorcht den Söhnen des Südens oder sterbt.“

Aber damals wußten sie nicht, daß es in Brügge einen Mann voll Geist und Heldenmut gab, einen Mann, der unter all seinen Zunftgenossen hervorleuchtete, zu dem Gott wie zu Moses gesprochen hatte: „Gehe hin und erlöse Deine Brüder aus den Banden Pharaos!“

Sobald die verheerenden Scharen der Franzosen den Boden des Vaterlands betreten hatten und die Sonne vom aufgewirbelten Staub verfinstert wurde, ertönte eine geheime Stimme in De Conincks Seele, eine Stimme, die da sprach: Gib acht, jene suchen Sklaven! Bei diesem Gedanken erzitterte der edle Bürger in schmerzvoller Entrüstung.

„Sklaven, wir Sklaven?“ war sein Seufzer. „O Herr, unser Gott, laß das nicht zu! Das Blut unserer freien Väter ist vor Deinen Altären dahingeströmt, im sandigen Arabien sind sie mit Deinem Namen auf den Lippen erschlagen worden; o gib es nicht zu, daß ihre Söhne von Fremdlingen in Ketten geschlagen werden, damit die Tempel, die wir Dir errichtet haben, nicht von Sklaven erfüllt werden.“

De Coninck hatte dieses Gebet in seiner Sprache gesprochen, aber das Herz der Menschen liegt offen vor ihrem Schöpfer. Er fand in dem Vlaemen noch all den Edelmut, den Geist, daraus seine Seele erschaffen war, und erleuchtete ihn mit einem göttlichen Strahl. Jählings von geheimer Kraft beseelt, fühlte sich der zwiefach stark und rief voll Begeisterung:

„Ja, Herr, ich habe Deine starke Hand auf meiner Stirn gefühlt; ja, ich werde mein Vaterland schützen! Ich werde die Gräber meiner Väter, Deiner Diener, nicht zertreten lassen! Gesegnet seist Du, o Gott, der mich berufen hat!“

Seit diesem Augenblick hatte De Coninck nur ein Sinnen, nur einen Wunsch in seinem Herzen bewahrt; aus dem großen Worte ‚Vaterland‘ entstanden all seine Gefühle, all seine Handlungen; Vorteil, Verwandtschaft, Ruhe, alles wurde geopfert, um allein der Liebe zu dem Lande des Löwen in seinem großen Herzen Raum zu geben. Wo gab es auch je einen edleren Sterblichen als diesen Vlaemen, der viele hundertmal sein Leben und seine Freiheit für Flanderns Freiheit wagte! Welchem Sterblichen ward jemals höherer Geist zuteil? Er allein vereitelte trotz aller Bastarde und Leliaerts, die Flandern verkaufen wollten, jegliche Unternehmung des Königs von Frankreich; er allein bewahrte sogar in Ketten ein Löwenherz und bereitete die Befreiung langsam vor.

Die Franzosen wußten es wohl: sie kannten den, der jeden Augenblick die Räder ihres Siegeswagens zerschellte. Sie hätten den lästigen Gegner wohl gern aus dem Wege geräumt, aber er besaß auch die List der Schlange. Er hatte sich in seinen Brüdern eine Brustwehr errichtet; das wußten die Fremdlinge und wagten nicht, ihn anzugreifen; denn alsdann würde er blutig gerächt worden sein. Während die Franzosen ganz Flandern unter das Joch der Tyrannei gebeugt hatten, lebte De Coninck im vollen Genuß seiner Freiheit unter seinen Mitbürgern und beherrschte sogar seine Gebieter; sie fürchteten ihn mehr, als er sie.