Jetzt hatten siebentausend Franzosen die zweijährige Unterdrückung mit dem Leben gebüßt; kein einziger Fremdling atmete mehr in dem befreiten Brügge; das Volk jubelte über seine Erlösung; die Stadt hallte wider von fröhlichen Liedern, die von den Minnesängern für dieses Fest gedichtet wurden, und die weiße Flagge mit dem blauen Löwen flatterte aufs neue vom Wachtturm. Dies Symbol, das in früheren Zeiten gleichermaßen auf den Mauern Jerusalems geprangt hatte und Zeuge so glorreicher Taten gewesen war, erfüllte die Herzen der Brügger mit Stolz; von diesem Tage an wurde eine Unterjochung Flanderns unmöglich: die Bürger erinnerten sich, wie viel Blut ihre Väter für die Freiheit vergossen hatten. Bisweilen stürzten Tränen aus ihren Augen, Tränen, die das Herz erleichtern, wenn es zu feurig ist und von edler Leidenschaft erglüht.

Vielleicht wird man annehmen, daß De Coninck das Werk nun für vollendet gehalten, sich damit beschäftigt hätte, seine zerstörte Wohnung wiederherzustellen. Doch nein, er dachte weder an sein Haus, noch an den Reichtum, der ihm geraubt war; das Wohlergehen und die Ruhe seiner Brüder war seine erste Sorge. Er wußte wohl, daß von Freiheit zur Unordnung nur ein Schritt ist; drum erwählte er noch am gleichen Tage von jeder Zunft einen Altmeister und legte mit Zustimmung des Volkes die Regierung in ihre Hände. Er wurde nicht zum Vorsitzenden dieses Rates ernannt, keine Geschäfte wurden ihm übertragen, aber er übernahm sie alle. Niemand durfte etwas ohne sein Wissen tun, sein Rat war Befehl in allen Dingen, und ohne jemals etwas zu gebieten, war sein Gedanke doch die einzige Richtschnur für das Gemeinwohl, – so groß ist die Herrschaft des Geistes.

Das französische Heer war zwar vernichtet, aber man konnte sicher sein, daß Philipp der Schöne neue, noch zahlreichere Truppen nach Flandern schicken würde, um die ihm widerfahrene Schmach zu rächen. Die meisten dachten wenig an diese furchtbare Gewißheit, es genügte ihnen, jetzt frei und froh zu sein; aber De Coninck teilte nicht die allgemeine Freude. Er hatte die Gegenwart bereits vergessen. Denn er sorgte schon dafür, künftigem Unheil vorzubeugen. – Es war ihm nicht unbekannt, daß mit der Gefahr auch die Begeisterung und der Mut des Volkes dahingeht, und deshalb wandte er alle Mühe auf, um in der Stadt die Erinnerung an den Krieg dauernd lebendig zu erhalten. Jedem Gesellen wurde ein Goedendag oder eine andere Waffe gegeben, eine neue Einteilung der Zünfte vorgenommen und der Befehl erteilt, sich jederzeit zum Kampf bereitzuhalten. Die Maurerzunft begann, die Festungswerke wiederherzustellen, und in den Werkstätten der Schmiede war es verboten, anderes als Waffen für die Gemeinde herzustellen. Die Zölle wurden neu eingerichtet und die städtischen Abgaben wieder erhoben. Durch diese weisen Maßnahmen lenkte De Coninck alle Gedanken, alle Bestrebungen auf ein Ziel und bewahrte auf diese Weise seine Vaterstadt vor dem mannigfachen Unheil, das eine große Umwälzung, so edel sie auch sei, allzeit nach sich zieht. Man hätte glauben sollen, die neue Regierung Brügges hätte schon längst bestanden.

Unmittelbar nach der Befreiung, während das Volk noch in allen Straßen den Wein der Freude trank, hatte De Coninck einen Boten in das Lager zu Damm gesandt, um die übrigen Zunftleute gleichwie die Frauen und Kinder in die Stadt zu rufen. Mit ihnen war auch Machteld gekommen, und man hatte ihr eine prachtvolle Wohnung im Prinzenhof angeboten. Sie hatte jedoch das Haus van Nieuwland erwählt, den Ort, da sie so manche trübe Stunde verlebt hatte, den Ort, daran alle ihre Tränen geknüpft waren. Hier fand sie an Adolfs guter Schwester eine zärtliche Freundin wieder, in deren Herz sie die Liebe und die Bangigkeit ihres beklemmten Herzens gießen konnte.

Zum vierten Male erhob sich die Sonne mit strahlender Glut über dem freien Brügge. Machteld saß allein in dem Gemach, das sie früher in dem Haus Adolfs van Nieuwland bewohnt hatte. Der treue Vogel, ihr geliebter Falke, war nicht mehr bei ihr, er war tot. In den ernsten Zügen der Jungfrau zeigten sich die bleichen, untrüglichen Kennzeichen ihrer Krankheit. Ihre Augen waren trübe, ihre Wangen eingefallen; alles verriet, daß bitteres Weh an ihrem Herzen nagte.

Just eben trat ihre Freundin Maria in das Gemach. Das Lächeln, welches jetzt über die Züge der Jungfrau glitt, war dem ähnlich, das sich zuweilen, selbst nach einem schmerzlichen Tode, auf dem Antlitz mancher Gestorbenen hält; es drückte, mehr als die heftigste Klage, ihren Schmerz und Kummer aus. Sie sah die Schwester Adolfs mit einem Blick an, der zu ihr sagte: O, gib mir Trost und Linderung! Maria nahte dem bekümmerten Mägdelein und drückte ihm voll zärtlichen Mitleids die Hand. Sie verlieh ihrer Stimme den sanften Laut, der so wohltuend auf das Herz der Unglücklichen wirkt, und sprach:

„Ihr vergießt im stillen Tränen, teure Machteld, Euer Herz vergeht vor Leid und Kummer, und nichts, nichts erleichtert Euer bitteres Los! O, wie seid Ihr doch unglücklich!“

„Unglücklich, sagt Ihr, liebste Freundin? O ja, es ist etwas in meinem Innern, das mir das Herz zusammenpreßt und quält. Wißt Ihr, welch schreckliche Bilder mir stets vor Augen schweben? Begreift Ihr, warum ich immerdar weinen muß? Ich habe meinen Vater durch Gift sterben sehen, habe die Stimme eines Sterbenden vernommen, eine Stimme, die da sagte: Leb' wohl, mein Kind, das ich so zärtlich liebte.“

„Ich bitte Euch, teure Machteld,“ fiel Maria ihr ins Wort, „verbannt diese gräßlichen Gedanken. Ihr macht mich beben! Euer Vater lebt; Ihr versündigt Euch schwer durch diese Verzweiflung! Vergebt mir diese harten Worte.“

Machteld ergriff die Hand Marias und drückte sie sanft, als wollte sie ihrer Freundin zu verstehen geben, daß ihre Worte dennoch für sie tröstlich gewesen wären. Trotzdem hing sie weiter ihren traurigen Betrachtungen nach, als wenn es ihr Freude machte. Die Klagen vergrämter Herzen sind auch Tränen, die den Schmerz erleichtern. Sie fuhr fort: