„Ich habe noch mehr gesehen, Maria: ich sah den Scharfrichter, von der grausamen Johanna von Navarra entsandt, sein Beil über dem Haupt Eures Bruders erheben!“

„O Gott,“ rief Maria, „welch furchtbarer Gedanke!“

Sie bebte, und Tränen erzitterten in ihren Augen.

„Und auch seine Stimme habe ich vernommen, eine Stimme, die sagte: Lebe wohl! Lebe wohl!“

Von diesem schrecklichen Worte betroffen, warf sich Maria in Machtelds Arme; ihre Tränen flossen auf die klopfende Brust ihrer unglücklichen Freundin, und man hörte sie nur noch still schluchzen. Nachdem sie einander solcherart einige Zeit stumm und voll bitteren Schmerzes umschlungen gehalten hatten, fragte Machteld:

„Versteht Ihr nun meinen Schmerz? Begreift Ihr nun, weshalb ich langsam hinsieche?“

„O ja,“ antwortete Maria verzweifelt, „ja, ich verstehe, ich fühle Eure Leiden. O mein armer Bruder! Aber warum, teuerste Machteld, sollten wir uns so sehr durch trügerische Gedankengebilde peinigen lassen? Nichts kann diesem schmerzlichen Vorgefühl, das uns quält, auch nur einige Gewißheit geben; ich bin überzeugt, daß unserem Herrn Robrecht, Eurem Vater, nichts Schlimmes widerfahren, daß mein Bruder bereits auf dem Wege ist, ins Vaterland zurückzukehren.“

„Und Ihr habt geweint, Maria? Weint man, wenn einem die Rückkehr des Bruders entgegenlacht?“

„Ihr quält Euch selbst, liebe Jungfrau! O, der Schmerz muß tiefe Wunden in Eurem Herzen geschlagen haben, daß Ihr diesen schwarzen Bildern so hartnäckig nachhängt. Glaubt mir, Euer Vater lebt, und vielleicht steht seine Befreiung nahe bevor. Denkt nur, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr erst seine Stimme hört, die zu Euch sagen wird: Meine Ketten sind zerbrochen! Wenn er einen zärtlichen Kuß auf Eure Stirn drücken und seine liebevolle Umarmung Eure Wangen wieder röten wird. Ihr werdet wieder in dem herrlichen Schloß Wijnendael wohnen: Herr van Bethune wird den Thron seiner Väter besteigen, und dann sollt Ihr durch Eure Liebe eine Stütze seines Alters werden! Dann werdet Ihr nicht mehr Eurer gegenwärtigen Schmerzen gedenken, es sei denn, um Euch an dem zu erfreuen, was Ihr aus Liebe zu Eurem durchlauchtigen Vater gelitten habt. Sagt mir nun, meine teuerste Machteld, wollt Ihr denn jeglichen Hoffnungsstrahl von Eurer Seele abwehren, können diese frohen Aussichten Euch keinen Trost verleihen?“