Während dieser Worte war eine merkliche Veränderung in Machteld vor sich gegangen. Sanfte Freude hatte ihr Auge geheitert, und ein liebliches Lächeln schwebte um ihre Lippen.

„O Maria,“ schluchzte sie, während sie ihren rechten Arm um den Hals ihrer tröstenden Freundin schlang, „wüßtet Ihr, welche Erquickung ich empfinde, welch unerwartetes Glück Ihr wie einen Balsam über mich ausgegossen habt! So möge der Engel des Herrn Euch in Eurer letzten Stunde trösten. Welch süße Worte gab Euch die Freundschaft ein, meine Schwester!“

„Eure Schwester,“ wiederholte Maria, „dieser Name kommt Eurer Dienerin nicht zu, durchlauchtige Jungfrau. Ich bin hinlänglich belohnt, wenn ich diesen tiefen Gram von Euch gescheucht habe.“

„Nehmt diesen Namen an, meine liebe Maria. Ich liebe Euch so zärtlich. Und ward Euer edler Bruder nicht mit mir erzogen? Ward er mir nicht von meinem Vater zum Bruder gegeben? Ja, wir sind von der gleichen Familie. O, ich bete ganze Nächte, daß die heiligen Engel Adolf auf seiner gefährlichen Reise bewahren mögen! Er kann mich noch trösten, noch erheitern! Aber horch! sollte mein Gebet erhört sein? Ja, ja, da ist er, mein lieber Bruder!“

Sie reckte den Arm und wies regungslos mit dem Finger nach der Straße. Sie stand da gleich einer Statue und schien einem fernen Geräusch zu lauschen. Maria erschrak; sie glaubte, Machtelds Sinne hätten sich verwirrt. Gerade als sie sprechen wollte, hörte sie den Hufschlag eines Rosses in der Straße widerhallen und begriff jetzt den Sinn von Machtelds Worten. Dieselbe Hoffnung durchdrang auch sie, und sie fühlte die ungestümen Schläge ihres Herzens sich verdoppeln. Einige Augenblicke hatten sie miteinander solcherart sprachlos dagestanden, dann verstummte plötzlich das Geräusch, das sie gehört hatten, und schon glaubten beide, sie hätten sich in ihrer frohen Hoffnung getäuscht, als die Tür des Gemachs ungestüm aufgerissen wurde.

„Da ist er! Da ist er!“ rief Machteld. „Gott sei Dank, meine Augen sehen ihn wieder!“

Sie lief dem Ritter hastig entgegen, und auch Adolf eilte herbei; doch er fuhr plötzlich bebend zurück. Statt der lieblichen Jungfrau, der er zu begegnen glaubte, sah er eine abgehärmte Gestalt vor sich mit eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen. Während er bedachte, ob dieser Schatten Machteld sei oder nicht, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Körper; alles Blut drang ihm von den Wangen zum Herzen, und sein Gesicht war bleicher denn das weiße Gewand seiner Freundin. Seine Arme sanken nieder, und die Augen starrten auf die abgezehrten Wangen Machtelds. So stand er bewegungslos, als ob ihn der Blitz getroffen hätte. Plötzlich senkte er die Augen zu Boden, und eine Flut bitterster Tränen strömte über seine Wangen. Er sprach kein einziges Wort, selbst keine Klage, kein Seufzer kam über seine Lippen. Vielleicht hätte er noch lange in stiller Verzweiflung geweint, denn sein Herz war zu sehr von Trauer ergriffen, um es durch Worte entlasten zu können; aber seine Schwester Maria, die sich aus Achtung vor Machteld bis dahin zurückgehalten hatte, flog ihm um den Hals und weckte ihn durch Küsse, mit denen sie unter zärtlichen Worten die Wange ihres geliebten Bruders bedeckte. Die Jungfrau betrachtete die Äußerung schwesterlicher Liebe mit inniger Rührung, sie zitterte und wurde von tiefster Niedergeschlagenheit ergriffen. Adolfs Erbleichen und der Schreck, den er so deutlich verriet, hatten ihr gekündet: Du bist entstellt, deine abgezehrten Wangen beängstigen, deine erloschenen Augen flößen Furcht und Schrecken ein; sogar der Mann, den du deinen Bruder nennst, erbebte bei deinem Anblick. Von düsterer Verzweiflung durchschüttert, fühlte sie die bebenden Knie versagen. Mühsam schleppte sie sich bis zu einem Lehnstuhl und ließ sich kraftlos und matt in ihn hineinsinken. Sie barg das Gesicht in den Händen und blieb in dieser Stellung sitzen. Nach einigen Augenblicken hörte sie in dem Gemach keinen Laut mehr, größte Stille herrschte um sie her, und sie vermeinte, daß man sie grausam verlassen habe.

Aber bald fühlte sie eine Hand die ihre drücken; sie hörte sich mit zärtlich-flehentlicher Liebe anrufen: „Machteld! Machteld! O meine unglückliche Schwester!“

Dann öffnete sie die Augen und sah Adolf weinend vor sich stehen. Tränen rollten über seine Wangen, und aus seinen Blicken sprach heiße Zuneigung, tiefes Mitleid.

„Ich bin verändert, nicht wahr, Adolf,“ seufzte sie. „Ihr fürchtet Euch vor mir; Ihr werdet mich nicht mehr so gern wie früher haben.“