Solcherart fuhr Breydel fort, mit seinen Genossen zu schwatzen, und manch höhnisches Scheltwort fiel gegen die Genter, bis diese Frage ganz erschöpft war und das Gespräch auf einen anderen Stoff überging. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit durch ein Geräusch geweckt; sie hörten ein paar Schritte hinter dem Zelt einen Wortwechsel, wie wenn sich zwei Männer stritten. Alle standen auf, um zu sehen, was da sein mochte; aber ehe sie noch das Zelt verlassen hatten, kam schon ein Fleischer, der auf Wache gestanden hatte, mit einem anderen Menschen herbei, den er gewaltsam vorwärts riß.
„Meister,“ sagte er, während er den Fremdling in das Zelt stieß, „hinter dem Lager habe ich diesen Minstrell entdeckt; er ging an alle Zelte, lauschte und schlich wie ein Fuchs durch die Finsternis; ich bin ihm lange gefolgt und habe ihn beobachtet. Sicher steckt dahinter Verrat, denn seht nur, wie der Schelm zittert!“
Der Mann, den man in das Zelt gebracht hatte, war mit einem blauen Wams bekleidet, eine Mütze mit einer Feder bedeckte sein Haupt. Ein langer Bart beschattete sein halbes Gesicht. In der linken Hand hielt er ein kleines Instrument, das fast einer Harfe glich, als ob er darauf vor der Gesellschaft ein Liedchen spielen wollte. Er zitterte vor Furcht, und sein Gesicht war so bleich, als ob er am Sterben sei; sichtlich suchte er sich den Blicken Jan Breydels zu entziehen, denn er wandte das Haupt nach der anderen Seite, damit jener seine Züge nicht erblicken sollte.
„Was habt Ihr in dem Lager zu tun,“ rief Breydel, „weshalb lauscht Ihr an den Zelten? Antwortet rasch!“
Der Sänger antwortete in einer Sprache, die hochdeutsch zu sein schien, und weckte dadurch die Vermutung, daß er in irgend einem anderen Landesteile zu Hause wäre.
„Meister, ich komme von Luxemburg und habe dem Herrn van Lonchijn zu Kortrijk eine Botschaft gebracht. Man hat mir gesagt, einer meiner Brüder wäre im Lager, und ich war hergekommen, um ihn zu suchen. Ich bin ängstlich und fürchte mich, weil die Schildwache mich für einen Spion angesehen hat; aber ich hoffe, ihr werdet mir nichts zuleide tun.“
Breydel, der Mitleid mit dem Sänger empfand, sandte die Schildwache zurück, wies dem Fremdling einen Stuhl und meinte:
„Ihr müßt von einer so langen Reise ermüdet sein. Da, mein schöner Sänger, setzt Euch her, trinkt – diese Kanne ist für Euch. Ihr müßt uns einige Lieder vorsingen, und wir wollen Euch einschenken. Habt Mut, Ihr befindet Euch unter guten Leuten.“
„Vergebt mir, Meister, ich kann nicht hierbleiben, denn Herr van Lonchijn wartet auf mich. Ich hoffe, daß Ihr mich nicht dem Wunsche dieses edlen Ritters zuwider länger aufhalten werdet!“