[XXI.]
Gwijde hatte Befehl gegeben, daß sich das ganze Heer, eine jegliche Rotte unter ihrem Anführer, am anderen Morgen auf dem Groeninger Kouter vor dem Lager einfinden sollte; er wollte eine allgemeine Musterung halten.
Gemäß diesem Befehle hatten sich die Vlaemen auf dem bestimmten Platz geschickt in einem Viereck aufgestellt, gleich vier Grundmauern eines Gebäudes. Jede Rotte bestand aus acht geschlossenen Gliedern; die viertausend Weber De Conincks bildeten das vordere Ende des rechten Flügels. Das erste Glied seiner Abteilung bestand aus Schützen, die ihre schweren Armbrüste über die Schulter gehängt hatten, während eiserne Pfeile in einem Köcher an ihrer Seite hingen. Sie hatten keine andere Schutzwaffe als eine dicke eiserne Platte, die ihnen mit vier Riemen vor die Brust gebunden war. Über sechs tieferen Gliedern starrten Tausende von Speeren zehn Fuß hoch empor. Diese Waffe, der berüchtigte Goedendag, wurde von den Franzosen am meisten gefürchtet, denn mit ihr konnte man ein Pferd sehr leicht durchbohren. Kein Harnisch schützte gegen ihren gewaltigen Stich, jeder Ritter, der davon getroffen wurde, fiel unfehlbar aus dem Sattel.
Auf demselben Flügel standen auch die schweren Truppen von Ypern; ihr vorderstes Glied bestand aus fünfhundert kräftigen Leuten, deren Kleidung von einem so hellen Rot wie das der feinsten Korallen war; von ihren glänzenden Helmen wallten wehende Federbüsche auf die Schultern herab, große Keulen, mit stählernen Spitzen beschlagen, standen mit dem dicken Ende neben ihrem Fuße, während ihre Hand am Griffe ruhte; ihre Arme und Schenkel waren mit kleinen eisernen Platten bedeckt. Die übrigen Leute dieser trefflichen Schar waren alle in Grün gekleidet; ihre stählernen Bogen ragten entspannt über ihre Köpfe hinaus. Der linke Flügel bestand lediglich aus den zehntausend Kriegern Breydels. An der einen Seite blendeten die unzähligen Beile der Fleischer die Augen der anderen Kriegsknechte, die auch ständig den Kopf abwendeten; denn die Glut der Sonne, die aus diesen stählernen Spiegeln zurückstrahlte, brachte sie in die Gefahr, zu erblinden. Die Fleischer waren nicht kunstvoll gekleidet; kurze braune Hosen und Jacken von gleicher Farbe bildeten ihren ganzen Anzug; die Ärmel waren bis an den Ellenbogen aufgestreift. Das war ihre gewöhnliche Art, denn sie waren auf ihre kräftigen Muskeln stolz. Viele hatten blondes Haar, aber sie waren von der Sonne ganz verbrannt. Lange Narben aus früheren Gefechten zogen sich wie tiefe Furchen über ihr Gesicht. Für sie waren es Lorbeeren, die ihre Tapferkeit bezeugten. Die Züge Breydels stachen auffallend gegen diese düsteren, unheimlichen Wesen ab; während die meisten seiner Genossen durch ihren furchtbaren Ausdruck Schrecken einflößten, war Breydels Gesicht angenehm und edel: schöne blaue Augen flammten unter fein gezogenen Augenbrauen, lange blonde Locken fielen über seinen Hals, und sein Bart verlängerte das schöne Oval seines Gesichts. Jetzt, da er heiter und zufrieden war, berührten seine Züge angenehm; aber wenn ihn der Zorn hinriß, hätte kein Löwenhaupt das seine an Furchtbarkeit übertroffen; dann furchten sich seine Wangen, seine Zähne knirschten ingrimmig, und seine Brauen ballten sich buschig über den Augen.
Im dritten Flügel standen die Leute von Veurne mit den Waffenknechten Arnolds van Oudenaarde und Balduins van Papenrode. Die Zünfte von Veurne hatten tausend Schleuderer und fünfhundert Helmschläger. Die ersteren standen in den vordersten Gliedern und waren ganz in Leder gekleidet, damit die Schleuder beim Schwingen an der Kleidung kein Hindernis fände. Um ihre Lenden wand sich ein breiter lederner Schlauch wie ein Gürtel; darin lagen die runden Kiesel, die sie auf den Feind warfen. An ihrer rechten Hand hing ein lederner Riemen mit einer Öffnung in der Mitte: das war die Schleuder, eine furchtbare Waffe, mit der sie ihren Feind so genau zu treffen wußten, daß die schweren Steine, die sie gegen ihn schleuderten, selten ihr Ziel verfehlten. Hinter ihnen standen die Helmschläger; sie waren ganz mit eisernen Platten bedeckt und trugen schwere Sturmhauben auf dem Kopf. Ihre Waffe war eine Streitaxt mit einem langen Stiel; oben an der Axt war eine dicke eiserne Spitze, mit der sie die Helme und Harnische durchbohrten: darum hießen sie Helmschläger. Die Leute von Oudenaarde und Papenrode, die auf derselben Seite standen, hatten verschiedenerlei Waffen; die beiden ersten Reihen bestanden aber nur aus Bogenschützen. Die anderen hatten Speere, Keulen und Schlachtschwerter.
Den letzten Flügel, der das Viereck schloß, bildete die ganze Reiterei des Lagers, jene elfhundert Mann zu Pferde, die Johann Graf von Namur seinem Bruder Gwijde geschickt hatte. Diese Abteilung war ganz in Eisen und Stahl gehüllt; man konnte nichts sehen als die Augen der Reiter, die aus dem Visier des Helmes hervorblitzten, und die Hufe der Pferde, die aus ihrer eisernen Verhüllung herausragten.
Solcherart war das Heer gemäß dem Befehl des Feldherrn aufgestellt. Größte Stille herrschte in den Scharen; die Kriegsknechte fragten einander wohl, was es geben solle, aber dann sprachen sie so leise, daß es niemand außer ihren Nebenmännern hören konnte.
Gwijde und all die anderen Ritter, welche keine Truppen mitgebracht hatten, wohnten in Kortrijk; das ganze Heer stand bereits einige Zeit in der beschriebenen Aufstellung, als man plötzlich das Banner des Herrn Gwijde unter dem Stadttor hervorkommen sah. Herr van Renesse, der in Abwesenheit des Feldherrn Oberbefehlshaber des Lagers war, rief:
„Die Waffen auf, schließt an! Richtet die Glieder! Ruhe!“
Auf den ersten Befehl des edeln Herrn van Renesse brachte jeder seine Waffe in gehörige Lage; dann nahmen sie näher Fühlung und richteten sich. Kaum war das geschehen, als die Reiterlinie sich öffnete, um den Feldherrn mit seinem zahlreichen Gefolge in das Viereck hineinzulassen.