Als Gwijde sein Heer erliegen sah und die Schlacht für verloren hielt, hätte er vor Schmerz weinen mögen; aber in seinem Herzen war für Trauer kein Raum; düstere Raserei hatte ihn gepackt. Seinem Eide getreu, wollte er nicht länger leben, und wie ein Wahnsinniger trieb er sein Pferd mitten unter die frohlockenden Feinde. Adolf van Nieuwland und Arnold van Oudenaarde folgten ihm; sie kämpften so wütend, daß die Feinde ob ihrer Wundertaten erschraken. Wie durch Zauberei sanken die Reiter von ihren Schwertern dahin. Doch die meisten Vlaemen lagen schon am Boden, und die Franzosen schrien mit Recht: „Noël, Noël!“ denn nichts schien mehr Gwijdes Scharen retten zu können.
In diesem Augenblick sah man von Oudenaarde her, hinter dem Haverschen Bach etwas hell in der Sonne aufleuchten, das sich zwischen den Bäumen bewegte. Diese seltsame Gestalt nahte sich rasch und langte endlich auf dem offenen Felde an; zwei Reiter wurden sichtbar, die in größter Eile auf das Schlachtfeld gesprengt kamen. Der eine war seiner prächtigen Rüstung nach ein Ritter; sein Harnisch und alles Eisen, das ihn und sein Pferd bedeckte, war vergoldet und verbreitete ungemeinen Glanz. Ein großer, blauer Federbusch wallte im Winde auf seinen Rücken nieder, das Zaumzeug seines Rosses war ganz mit silbernen Schuppen bedeckt, und auf seiner Brust prangte ein rotes Kreuz; über diesem Zeichen stand auf schwarzem Grunde mit silbernen Buchstaben das Wort „Flandern“.
Kein Ritter auf dem ganzen Schlachtfeld war so prächtig gerüstet wie dieser Unbekannte, aber was ihn am meisten von allen unterschied, war seine Gestalt. Er war einen Kopf größer als die Größten, und seine Glieder waren so kräftig, daß man ihn für einen Riesen hätte halten können. Das Pferd, das er ritt, trug viel zu seinem ungewöhnlichen Aussehen bei, denn es war auch wunderbar groß und stark, der schönste deutsche Hengst, den man sich denken konnte. Lange Schaumflocken flogen um sein Maul, und schnaubend kam er heran. Der Ritter hatte keine andere Wehr als einen furchtbaren Waffenhammer, dessen Stahl sich glänzend in der goldenen Rüstung spiegelte. Der andere Reiter war ein Mönch. Der war schlecht gewappnet: Harnisch und Helm waren so verrostet, daß sie ganz rot zu sein schienen. Er hieß Bruder Wilhelm van Saestinge. In seinem Kloster zu Doest erfuhr er, daß bei Kortrijk gegen die Franzosen gekämpft werden solle; er nahm deshalb zwei Pferde aus dem Stall, gab das eine für die verrosteten Waffen dahin, die er trug, und auf dem anderen kam er jetzt herangesprengt, um der Schlacht beizuwohnen. Auch er war ungewöhnlich kräftig gebaut und unverzagten Mutes; ein langes Schlachtschwert blitzte in seiner Faust, und schon an seinen Augen konnte man erkennen, daß er ein furchtbarer Kämpfer sein mußte; er war dem wunderbaren Ritter soeben begegnet, und da beide demselben Ziel zustrebten, so waren sie zusammen geritten.
Die Vlaemen richteten ihre Augen mit freudiger Erwartung auf den goldenen Ritter, den sie von ferne herankommen sahen. Sie konnten das Wort Flandern noch nicht lesen und also nicht wissen, ob er ein Freund oder Feind war; aber in ihrer gefährlichen Lage vermeinten sie, daß Gott ihnen unter dieser Gestalt einen seiner Heiligen sende, um sie zu befreien. Dazu trugen die glänzende Rüstung, die ungewöhnliche Gestalt und das rote Kreuz, das der Ritter auf seiner Brust trug, nicht wenig bei.
Gwijde und Adolf, die mitten unter den Feinden standen, sahen einander hocherfreut an; sie hatten den goldenen Ritter erkannt. Nun hielten sie die Franzosen für verloren; denn auf die Kraft und Erfahrung dieses neuen Kriegers hatten sie das größte Vertrauen. Die Blicke, die sie sich einander zuwarfen, besagten: O, welch ein Glück, da ist der Löwe von Flandern!
Der goldene Ritter kam endlich an die französischen Truppen heran; ehe man noch fragen konnte, wen er bekämpfen, wem er beistehen wollte, stürzte er sich in die dichtesten Reiterhaufen und schlug mit seinem Hammer so wild und furchtbar auf sie ein, daß sie, von Schrecken ergriffen, einander umrannten, um nur seinen Schlägen zu entgehen. Alles stürzte unter seinem schmetternden Hammer nieder, und überall, wo er durch die feindlichen Scharen drang, blieb hinter seinem Rosse eine Spur wie von einem segelnden Schiffe. Solcherart warf er alles, was er treffen konnte, nieder und gelangte mit unheimlicher Schnelligkeit zu den Scharen, die gegen die Leye gedrängt wurden. Da rief er:
„Vlaenderen den Leeuw! Folgt mir! folgt mir!“
Mit diesen Worten schleuderte er eine große Anzahl Franzosen in den Schlamm und erschlug so erstaunlich viele, daß die Vlaemen ihn für ein übernatürliches Wesen ansahen.