Die Genter hatten den Befehl erhalten, die vlaemischen Ritter, die sich fänden, tot oder lebend in das Lager zu tragen. Sie hatten nun schon fast die Hälfte des Schlachtfelds abgesucht. Die Leichen der edeln Herren Salomon van Sevecote, Philipp van Hofstade, Eustachius Sporkijn, Jan van Severen, Peter van Brügge waren bereits fortgetragen, und man war dabei, dem verwundeten Jan van Mechelen den Harnisch loszuschnallen. Jetzt waren sie zu der Stelle gekommen, wo der Kampf am hartnäckigsten getobt hatte; die Leichen lagen mit Blut bedeckt rings um sie her. Während sie noch damit beschäftigt waren, Herrn van Mechelen zu laben, hörten sie plötzlich ein Stöhnen, gleich als stieg es aus dem Boden auf; sie horchten, doch sie sahen nichts, keine der Leichen ringsumher gab das geringste Lebenszeichen von sich. Nach einiger Zeit wiederholte sich das Stöhnen, und nun merkten sie, daß es etwas weiter abseits unter mehreren gefallenen Pferden hervortönte. Nach langen Mühen hatten sie diese endlich beiseite geschafft und fanden einen sterbenden Ritter.
Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, ganz mit Blut bedeckt. Sein Harnisch war von der Last eines darauf gefallenen Pferdes ganz eingedrückt. Mit der rechten Hand hatte er noch das Schlachtschwert umfaßt, während er in der linken einen grünen Schleier hielt; seine Wangen waren bleich und trugen das Zeichen des nahenden Todes. Mit wirrem, mattem Blicke betrachtete er die Leute, die zu seiner Rettung herbeikamen. Seine Wimper hatte nicht mehr die Kraft, das brechende Auge vor der Sonne zu schützen.
Jan Borluut erkannte den unglücklichen Adolf van Nieuwland.
In aller Eile wurden die Riemen seines Harnischs gelöst, sein Haupt aus dem Schlamm emporgehoben und seine Lippen mit erquickendem Wasser benetzt. Mit ersterbender Stimme flüsterte er einige unverständliche Worte, und seine Augen schlossen sich, als ob seine Seele aus dem wunden Leib entflohen sei. Einige Augenblicke war er ganz ohne Bewußtsein; dann kam er wieder zu sich, doch er blieb äußerst schwach. Er ergriff Jan Borluuts Hand und sprach so langsam, daß zwischen jedem Wort eine lange Pause war:
„Ich sterbe, Ihr seht es, Herr Jan; meine Seele wird nicht lange mehr auf Erden weilen. Aber – beweint mich nicht. Ich sterbe froh, – da das Vaterland befreit ist …“
Sein Atem war zu kurz, als daß er länger hätte sprechen können; er ließ sein Haupt in den Arm Jan Borluuts sinken und führte den grünen Schleier langsam an seine Lippen. Dann sank er wie tot an Jan Borluuts Brust. Sein Herz schlug aber noch, und die Wärme des Lebens verließ ihn nicht. Der Anführer der Genter ließ den verwundeten Ritter mit aller nur erdenklichen Vorsicht in das Lager bringen.
Machteld hatte sich mit Adolfs Schwester vor dem Gefecht in eine Zelle der Abtei Groeningen zurückgezogen. Sicherlich war in diesem Augenblick niemand in Flandern geängstigter als diese unglückliche Jungfrau. All ihre Verwandten und ihr Freund Adolf waren im Kampfe. Von dieser Schlacht, welche die Vlaemen gegen eine so überlegene Macht wagten, hing die Freiheit ihres Vaters ab; diese Schlacht mußte den Thron von Flandern wiederherstellen oder für immer vernichten. Wenn die Franzosen den Sieg errangen, dann mußte sie auf den Tod all derer, die ihr teuer waren, für sich selbst auf das furchtbarste Los gefaßt sein.
Sobald die Kriegstrompete ihre Töne über das Schlachtfeld sandte, erzitterten die beiden Frauen und erbleichten, als ob sie zur gleichen Zeit ein tödlicher Schlag getroffen hätte. In diesem bangen Augenblick vermochten sie die Gefühle ihrer Seele nicht auszusprechen; sie waren zugleich auf einen Betstuhl niedergesunken, hatten den Kopf darauf gestützt, und still flossen Tränen über ihre Wangen. So knieten sie nun dort in feurigem Gebet, ohne sich zu regen, als wären sie in tiefen Schlaf versunken gewesen; von Zeit zu Zeit hörte man einen schwachen Seufzer, und wenn das Tosen der Schlacht lauter anschwoll, dann schluchzte Maria:
„O allmächtiger Gott, Herr der Heerscharen, erbarme dich unser! Steh uns bei in der Not, o Herr!“
Und Machtelds zarte Stimme erwiderte: