„O, mein Vater, laßt mich hier, ich will auch nicht mehr weinen. Laßt mich bei meinem Bruder Adolf, ich will die heißen Gebete, die er mich gelehrt hat, für ihn zu Gott schicken!“
Sie nahm ein Kissen von einem Sessel, legte es auf den Boden am Kopfende des Bettes und betete dort leise. Doch ihre Worte waren von tiefen Seufzern zerrissen, und heiße Tränen liefen über ihre Wangen.
Robrecht van Bethune wachte bis in die späte Nacht hinein an Adolfs Lager und hoffte, daß Gehör und Sprache wiederkehren würden. Doch vergeblich. Nur schwach und langsam atmete der Verwundete und lag regungslos da.
Meister Rogaert fürchtete nun doch ernst für sein Leben; denn auf den Schläfen des Kranken brannte heißes Fieber. –
Inzwischen zogen die adligen Herren, die nicht im Schlosse wohnten, mit großer Genugtuung aus Wijnendaal. Die treuen Ritter freuten sich, daß sie sich ihrem Gebieter gefällig erweisen konnten. Die anderen, die im gräflichen Hause wohnten, suchten ihre Schlafgemächer auf.
Zwei Stunden später hörte man in Wijnendaal nur noch die Rufe der Wachen, das Anschlagen der Hunde und die schrillen Schreie der Nachteule.
[IV.]
Die Reise, die Graf Gwijde auf Anraten des Herrn von Valois unternahm, sollte für ihn und sein Land Flandern sehr gefährlich werden; denn Frankreich hatte zu schwerwiegende Gründe, das reiche Land möglichst lange zu besitzen.
Philipp der Schöne und seine Gemahlin Johanna von Navarra hatten zu ihrer leichtsinnigen Verschwendung alles Gold des Reiches in ihre Schatzkästen fließen lassen, und dennoch hatten die ungeheuren Summen, die das Volk bewilligt hatte, nicht genügt, um ihre unersättliche Geldgier zu befriedigen. Philipp hatte jetzt zu dem letzten Mittel gegriffen und fälschte die Münzen des Reiches, lud dadurch unmögliche Lasten auf sein Land, und doch war er noch nicht befriedigt.
Seine habsüchtigen Minister und besonders Enguerrand de Marigny veranlaßten ihn trotz der Unzufriedenheit des Volkes, unter dem jeden Tag der Ausbruch der Revolution drohte, dazu, neue Abgaben zu fordern.