Herr von Châtillon hatte den Grafen auch einige Male aufgesucht und beglückwünscht. Aber sein Herz barg ein teuflisches Geheimnis, und er lächelte, um es zu verbergen. Seine Nichte, Johanna von Navarra, hatte ihm Flandern als Lehen versprochen. Alle seine herrschsüchtigen Pläne hatten auf die Erlangung dieser reichen Grafschaft gezielt, und nun verschwand diese Aussicht wie ein Traum.

Châtillon, der von politischem Ehrgeiz ergriffen war, schmiedete einen verräterischen Plan und beschönigte ihn vor seinem Gewissen mit dem Namen der Pflicht. –

An dem gleichen Tage, an dem er aus Flandern am königlichen Hofe ankam, rief er einen seiner treuesten Diener zu sich und sandte ihn auf seinem besten Pferde nach Paris.

Ein Brief, den er dem Boten mitgab, mußte die Königin und Enguerrand de Marigny von allem unterrichten und sie nach Compiègne rufen.

Sein verräterischer Plan glückte vollkommen. Als Johanna den Brief las, bebte sie vor Wut. Sie, die den Vlaemen ewigen Haß geschworen hatte, sollte sich nun diese Beute entgehen lassen. Und erst Enguerrand de Marigny, der das Geld, das man mit Gewalt aus Flandern erpressen wollte, bereits verspielt und verausgabt hatte! Beiden lag viel zu viel an Flanderns Untergang, als daß sie mit seiner Befreiung einverstanden hätten sein können. Kaum hatten sie die Nachricht erhalten, als sie auch schon, so schnell sie konnten, nach Compiègne fuhren und unerwartet in die Gemächer des Königs eilten.

„Sire,“ rief Johanna aus, „gelte ich Euch denn nichts mehr, daß Ihr in dieser Weise und ohne mich zu fragen meine Feinde gnädig empfangt? Oder habt Ihr den Verstand verloren, daß Ihr diese Vlaemischen zu Euerm eigenen Schaden erhalten wollt!“

„Madame,“ antwortete der König voll Selbstbeherschung, „es wäre ratsam, daß Ihr Euerm König und Gemahl mehr Ehrerbietung entgegenbrächtet! Wenn es mir beliebt, den alten Grafen von Flandern gnädig zu empfangen, so werde ich meinen Willen durchsetzen.“

„Im Gegenteil!“ rief Johanna rot vor Zorn, „das wird nicht geschehen. Ich dulde es nicht, versteht Ihr? Ich dulde es nicht! Wie! Die Meuterer, die meine Oheime enthauptet haben, sollen straflos bleiben. Sie sollten damit prahlen können, daß sie Blutsverwandte der Königin von Navarra ungestraft verhöhnen durften!“

„Der Zorn reißt Euch hin, Madame!“ antwortete der König, „überwägt es selbst in aller Ruhe und sagt mir dann, ob es recht und billig ist, daß man Philippa wieder zu ihrem Vater führt?“