Das Mägdelein weinte heiße Tränen. Schienen auch ihre Worte voller Trost und Hoffnung – in ihrem Herzen wohnte tiefer Gram. Und weiter sprach sie:
„Du armer Falke, nicht wirst du nun mehr in den Gefilden unseres väterlichen Schlosses jagen; Franzosen hausen in unserem schönen Wijnendaal. Meinen unglücklichen Vater haben sie in einen Kerker geworfen, in schwere Ketten geschlossen. In dunklem Gefängnis schmachtet er so einsam, und wer weiß, ob ihn nicht die grausame Johanna noch umbringt! Ach du mein lieber Vogel, dann werden auch wir vor Angst vergehen. – Der Gedanke, der furchtbare Gedanke allein raubt mir alle Kraft. Ach! setze dich doch nieder, meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen.“
Das trostlose Kind sank ermattet in den Sessel, doch ihr Antlitz ward nicht bleicher; waren doch schon längst die Rosen auf ihren Wangen gewelkt, die Augenlider durch ewiges Weinen gerötet. Der Huldreiz ihrer Züge war geschwunden und ihr Auge ohne Feuer und Leben.
Lange blieb sie so in Traurigkeit versunken; der Reihe nach grübelte sie über all das nach, was ihre Verzweiflung nur noch steigern mußte. Die traurigen Gedanken weckten die schauerlichsten Vorstellungen. Sie sah ihren unglücklichen Vater gefesselt in einem feuchten Kerker, hörte seine Ketten rasseln, hörte den Widerhall seiner wehen Seufzer an dieser grausen Stätte. Auch der Gedanke, daß man in Frankreich so häufig die Menschen vergiftete, quälte sie beständig, und die gräßlichsten Bilder tauchten vor ihren Augen auf. Solcherart wurde das Mägdelein unaufhörlich gefoltert und lebte in tödlicher Pein.
Ein unterdrückter Seufzer tönte vom Bette her. Schnell wischte Machteld die Tränen von ihren Wangen und eilte in banger Sorge zu dem Kranken. Sie goß den Trank in die silberne Schale, stützte mit der rechten Hand ein wenig Adolfs Haupt und brachte die Schale an seinen Mund.
Weit öffnete der Ritter die Augen und heftete sie voller Staunen auf das junge Mägdelein. Dankbarkeit sprach aus seinen matten Blicken, und ein unbeschreibliches Lächeln verklärte seine bleichen Züge.
Seit seiner Verwundung hatte der Kranke noch nicht wieder verständlich gesprochen; es schien sogar, als ob er die Worte, die man leise zu ihm sprach, nicht vernahm. Doch als Machteld ihn in den ersten Tagen seiner Krankheit freundlich ermunterte: „Werde doch gesund, armer Adolf, mein teurer Bruder; ich will für dich beten, denn dein Tod würde mich noch unglücklicher machen,“ – und mancherlei, was sie ganz arglos an seinem Bette sprach, hatte Adolf gar wohl vernommen und verstanden, wenn es ihm auch an Kraft gebrach, zu sprechen.
In der vergangenen Nacht hatte sich Adolfs Zustand wirklich gebessert. Nach langem Kampf hatte ihm die Natur heilsamen Schlaf geschenkt, und daraus war er mit neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer, der sich bei seinem Erwachen seiner Brust entrang, war kräftiger, als es ihm seine Wunde bisher gestattet hatte.