Als nun Machteld den Becher von seinem Munde nahm, faßte sie gewaltiges Staunen; denn mit schwacher, doch klarer Stimme sprach er:
„O edle Jungfrau! Mein lieber Schutzengel! Ich danke dem gütigen Gott für den Trost, den er mir durch Euch beschert hat. Bin ich der Sorge wert, edle Maid, daß Eure durchlauchtige Hand mein Haupt so freundlich stützt? Seid gesegnet für Eure Mühen um einen armen Rittersmann.“
Das Mägdelein sah ihn verwundert an; als sie aber merkte, wie sehr er an Lebenskraft gewonnen hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und lieh ihrer Freude jubelnden Ausdruck.
„O, Ihr werdet wieder genesen, Herr Adolf!“ rief sie. „Nun mag ich nicht mehr trauern; jetzt werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich tröstet.“
Als erinnerte sie sich dann aber an etwas Vergessenes, hemmte sie jäh ihre heftige Bewegung; ihr Gesicht wurde ernst, und kniend warf sie sich vor einem Kreuz am Kopfende des Bettes nieder. Sie faltete ihre Hände und richtete ein langes Dankgebet an den Herrn, der ihren Freund und Bruder Adolf hatte genesen lassen. Dann erhob sie sich, blickte noch einmal den Ritter an und sprach fröhlich:
„Haltet Euch recht still, Herr Adolf, und rühret Euch nicht, so hat es Meister Rogaert geheißen.“
„Was habt Ihr nicht alles für mich getan, durchlauchtigste Tochter meines Herrn,“ sprach Adolf. „Beständig vernahm ich Eure Gebete, so manches Mal hat Eure tröstende Stimme mein Herz gestärkt! Ja, im Schlummer schien es mir, daß ein Engel Gottes den Tod von meinem Bett abwehrte. Ein Engel, der mein Haupt stützte, meinen brennenden Durst mitleidig stillte und mir unaufhörlich versicherte, daß ich nicht sterben würde. Möge Gott mir bald meine Gesundheit wieder geben, auf daß ich mein Blut für die Euren vergießen kann.“
„Herr van Nieuwland,“ entgegnete das Mägdelein, „Ihr habt Euer Leben für meinen Vater gewagt; Ihr liebt ihn so treu wie ich; ziemte es mir da nicht, Euch meine Dankbarkeit zu beweisen und für Euch wie für meinen Bruder zu sorgen? Der Engel, den Ihr sahet, war der heilige Michael, den ich bat, daß er Euch seine Hilfe leihe. – Nun will ich geschwind Eure gute Schwester Maria rufen; sie soll sich mit mir über Eure Besserung freuen.“
Sie verließ den Ritter und kam einige Augenblicke danach mit Maria ins Gemach zurück. Ihre Freude über die Fortschritte in Adolfs Befinden sprach aus ihren Zügen und ihrer ganzen Haltung. Ihre Bewegungen wurden rascher und bestimmter; die Tränen waren versiegt, und der treue Vogel hörte wieder heitere Worte. Sobald sie mit Maria in das Gemach zurückgekehrt war, hatte sie den Falken vom Stuhl auf ihre Hand genommen und war mit ihm an Adolfs Bett getreten.
„Mein teurer Bruder,“ rief Maria und küßte ihn auf die bleiche Wange, „du wirst gesund; nun werden die trüben Träume von mir weichen. O, wie bin ich froh! Wie oft habe ich an deinem Bette in bittrem Herzeleid geweint, wie oft glaubte ich, daß du sterben würdest, doch nun schwindet aller Gram. Willst du trinken, Bruder?“