„Wahrlich, Meister Rogaert, dieser Ort scheint mir recht günstig; aber Ihr sagt selbst, daß die französischen Banden über ganz Flandern verstreut sind; deshalb wäre solche Reise für ein Edelfräulein wohl zu gefährlich. Mit einem Geleit stände es noch ärger. Und sollte ich Jungfrau Machteld allein mit einigen Dienern ziehen lassen? Nein! ich muß über sie wie über mein Seelenheil wachen, denn Robrecht van Bethune wird von mir einst seine Tochter zurückfordern.“
„Aber, Herr Adolf, erlaubt mir zu erwidern, daß Ihr die Jungfrau noch mehr bloßstellt, wenn Ihr sie in Flandern haltet; denn wer soll sie beschirmen? Ihr nicht, – dazu seid Ihr nicht imstande. – Die Herren der Stadt werden es auch nicht tun, sie sind ja Frankreich ergeben. Was würde aus dem armen Edelfräulein werden, wenn die Franzosen es entdeckten?“
„Ich habe ihren Beschirmer bereits gefunden,“ antwortete Adolf, – „Maria, schick' bitte einen Knecht zu dem Zunftmeister der Wollenweber, er möchte mich besuchen. Meister Rogaert, ich beabsichtige, unsere junge Edeldame unter den Schutz der Gemeinde zu stellen. – Findet Ihr den Einfall nicht gut?“
„O ja, er ist nicht übel, aber es wird Euch nicht glücken; denn das Volk ist aufgebracht gegen alles, was sich adlig nennt; man darf ihm damit nicht kommen. – Und eigentlich haben sie nicht so unrecht, Herr Adolf, denn die meisten der Edelleute halten zu den Feinden und wollen die Rechte der Gemeinden vernichten.“
„Das kann mich von meinem Vorhaben nicht abbringen, Meister Rogaert. Mein Vater hat der Stadt Brügge viele Vorrechte verschafft, und der Zunftmeister der Weber und seine Kameraden haben das nicht vergessen. Sollte es mir aber dennoch mißglücken, so werden wir überlegen, wie wir die Jungfrau nach Jülich bringen.“
Etwa eine halbe Stunde nach dieser Unterredung trat Meister De Coninck, Obmann der Wollweber, in Adolfs Zimmer.
Ein langes Koller von braunwollenem Tuche, ohne Zierat oder Borten, also gänzlich verschieden von der stolzen Kleidung der Edlen, wallte bis auf seine Füße herab. Man sah, daß der Vorsteher der Weber absichtlich allen Putz mied, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Hochmut mit Hochmut zu beantworten; denn dieses wollene Wams umhüllte den mächtigsten Mann von Flandern. Auf dem Haupte trug er eine flache Mütze, unter der seine Haare einen halben Fuß lang über die Ohren fielen. Ein Gürtel hielt die weiten Falten seines Kollers über den Hüften zusammen, und der Griff eines Kreuzmessers blinkte an seiner Seite. Da er ein Auge verloren hatte, war sein Antlitz nicht sehr einnehmend. Ungewöhnliche Blässe, vorstehende Backenknochen und die gefurchte Stirn verliehen seinem Gesicht einen sinnenden Ausdruck. Gewöhnlich fiel nichts Besonderes an ihm auf; wenn aber etwas seine Aufmerksamkeit erregte, ward sein Blick durchdringend und lebhaft; dann leuchtete sein kluger, männlicher Geist aus dem einzigen Auge, das ihm noch geblieben war, und seine Haltung wurde trotzig und stolz. Beim Eintreten betrachtete er wie ein mißtrauischer Fuchs die Menschen im Zimmer und zumal Meister Rogaert; denn er merkte gleich, daß dieser listiger war als die anderen.
„Meister De Coninck,“ sprach Adolf, „wollet bitte näher treten. Ich habe eine Bitte, die Ihr mir nicht abschlagen werdet; denn meine ganze Hoffnung ruht auf Euch. Aber erst müßt Ihr mir geloben, das Geheimnis, welches ich Euch anvertrauen will, niemandem zu entdecken.“
„Die Rechtfertigkeit und die Freundlichkeit des Herrn van Nieuwland sind den Wollwebern noch unvergessen,“ antwortete De Coninck, „deshalb mögen Euer Edeln auf mich als einen dankbaren Diener rechnen. Sollte allerdings Eure Bitte den Rechten des Volkes und der Gemeinde widersprechen, so würde ich Euch raten, das Geheimnis für Euch zu behalten und nichts von mir zu verlangen.“