„O ja, aber der Plan ist schlecht. Das beste Messer ist die Vorsicht, Breydel. Es schneidet zwar langsam, aber es wird nie stumpf und bricht auch nicht. – Wozu wollt Ihr denn die Tore schließen? Nichts ist damit gewonnen. Ich will Euch einmal etwas sagen: Laßt das Unwetter sich ruhig verziehen, laßt die Kriegsknechte mählich nach Frankreich zurückkehren, gebt den Französlingen und Leliaerts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit nachläßt.“
„Nein,“ warf Breydel ein, „unmöglich. – Schon werden sie herrisch, beginnen zu drohen; sie berauben die Bauern ihrer Freiheit und behandeln uns Bürger wie Sklaven.“
„Desto besser, Meister Jan, desto besser!“
„Desto besser! was soll das heißen? Geht, Meister! Habt Ihr den Mantel gedreht, wollt Ihr uns mit Eurer Fuchsesschläue verraten? – Fast scheint es mir, als wenn Ihr mit der Zeit etwas nach Lilien röchet!“
„Nein, nein, mein Freund Jan! Bedenkt nur wie ich, daß die Befreiung um so schneller naht, je mehr die Erbitterung steigt. Würden sie ihr Tun beschönigen, mit scheinbarer Gerechtigkeit herrschen, dann würde das Volk im Joch entschlummern und das Gebäu unserer Freiheit sänke für immer dahin. Seht, die Tyrannei der Herrscher brütet die Freiheit des Volkes wie eine Henne aus. Sollten sie aber wagen, die Vorrechte unserer Stadt anzutasten, so wäre ich der erste, der Euch zum Widerstand ermunterte – aber auch dann noch nicht zur offenen Gewalt. Es gibt andere Waffen, die sicherer arbeiten.“
„Meister,“ gestand Jan Breydel zu, „ich verstehe jetzt, Ihr habt immer recht, als ständen Eure Worte auf Pergament. Aber es fällt mir sehr schwer, die kecken Franzosen so lange zu ertragen; lieber noch wäre ich sarazenisch als welsch[22]. Doch Ihr sagt ganz richtig: je mehr ein Frosch sich aufbläst, desto eher platzt er. Ich muß zugeben: im Verstand sind uns die Weber über.“
„Gut, Meister Breydel, und in Mut und Kühnheit die Fleischer. Gehen beide Tugenden, Vorsicht und Mut, bei uns stets Hand in Hand, dann wird es den Franzosen an Zeit fehlen, uns in Ketten zu schlagen.“
Der Obmann der Fleischer lachte laut und zufrieden über die Schmeichelei. „Ja,“ meinte er, „in meiner Zunft gibt's tapfere Leute, Meister Peter. Und die Welschen sollen das merken, wenn der bittere Apfel reif ist. Aber da fällt mir ein: wie wollt Ihr die Tochter des Löwen, unseres Herrn, den Augen der Königin entziehen?“
„Ich werde sie ihr im Sonnenlicht zeigen.“
„Wie, Meister? Jungfrau Machteld Johanna von Navarra zeigen? Mir scheint, Ihr redet irre! Seid Ihr auf den Kopf gefallen?“