Bald darauf stieg das Fürstenpaar ab und nahm auf dem Schaugerüst Platz. Die Edelknaben und Hofdamen stellten sich in zwei Reihen auf die Stufen, die edlen Ritter scharten sich hoch zu Roß um das Gerüst. Als alle die bestimmten Plätze eingenommen hatten, traten die Herren vom Magistrat mit den Jungfrauen als den Vertreterinnen der Stadt Brügge vor und überreichten auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlüssel der Stadt. Gleichzeitig stießen die Engel wieder in ihre Posaunen, und die Leliaerts riefen abermals: „Es lebe der König! Es lebe die Königin!“

Totenstille herrschte unter den Bürgern; sie schienen sich absichtlich so ruhig zu verhalten, um ihre Unzufriedenheit um so deutlicher zu zeigen, und erreichten auch vollkommen ihren Zweck; denn Johanna bedachte schon in ihrem beleidigten Herzen, wie sie am besten diese unehrerbietigen Untertanen bestrafen und ducken könnte.

König Philipp der Schöne empfing in seiner Sanftmut den Magistrat mit größtem Wohlwollen und gelobte, für die Wohlfahrt Flanderns nach Möglichkeit zu sorgen. Dieses Versprechen war aufrichtig gemeint. Er war ja ein edelmütiger Fürst und ehrenhafter Ritter und hätte vielleicht in Frankreich wie in Flandern seine Untertanen glücklich gemacht, wenn nicht zwei Ursachen die Ausführung seiner guten Vorsätze verhindert haben würden. Die erste und schlimmste war die Herrschaft seiner stolzen Frau Johanna. Hatte Philipp der Schöne etwas Gutes im Sinn, so lenkte sie ihn wie ein böser Geist zum Schlechten und zwang ihn, all ihre verderblichen Pläne gutzuheißen. Dazu kam die Verschwendung, die ihn zu allen Mitteln, guten wie schlechten, greifen ließ, um das vergeudete Geld zu ersetzen. Wohl meinte er es jetzt aufrichtig gut mit Flandern, aber was nützte das, da doch Johanna darüber schon anders beschlossen hatte?

Nachdem die Schlüssel überreicht waren, lieh der König noch einige Zeit der Ansprache des Magistrats ein gnädiges Ohr und verließ dann den Thron. Alles stieg zu Pferde, und langsam ritt der Zug durch die übrigen Straßen der Stadt, bis zum Prinzenhof, wo sie einkehrten, um hier mit den vornehmsten Herren und Leliaerts das Mittagmahl einzunehmen.

Derweile kehrten die Zunftgenossen heim, und das Fest nahm sein Ende.

Abends, als die Gäste längst fort waren, saß die Königin Johanna allein mit ihrer Kammerfrau in ihrem Schlafgemach. Schon hatte sie einen großen Teil der lästigen Prachtgewänder abgelegt und war noch damit beschäftigt, sich ihrer Schmuckstücke zu entledigen. Ihre Hast und der unzufriedene Ausdruck ihrer Züge verrieten die größte Ungeduld. Die Kammerfrau mußte heftige Worte hören und alles, was sie tat, trug ihr scharfen Tadel ein. Halsband und Ohrgehänge flogen wie wertloses Zeug umher.

Dann schritt sie in weißem Nachtgewand, tief in Gedanken im Zimmer auf und ab. Sie hatte nicht die mindeste Lust zu schlafen, und ihre flammenden Augen irrten wild umher. Die Kammerjungfer näherte sich der Fürstin mit liebenswürdiger Ehrerbietung und fragte:

„Beliebt es Eurer Majestät noch länger zu wachen, und soll ich einen größern Leuchter mit mehr Wachslichtern herbeiholen?“

Ungestüm erwiderte die Königin:

„Es ist hell genug. Quält mich nicht mit Euren lästigen Fragen und laßt mich allein. Wartet im Vorsaal auf meinen Oheim de Châtillon – er soll gleich kommen! Geht!“